Eine aktuelle Studie gibt Einblick in die finanziellen Risiken, die mit einer umfassenden Ernährungswende in Europa verbunden sind. Wissenschaftler der Universitäten Leiden, Oxford und Wien haben in der Fachzeitschrift „Nature Food“ veröffentlicht, dass ein signifikanter Rückgang des Konsums von Fleisch und Milchprodukten erhebliche Auswirkungen auf die Vermögenswerte europäischer Tierhalter haben könnte. Die Untersuchung zeigt, dass durch eine veränderte Nachfrage nach tierischen Produkten eine Vielzahl landwirtschaftlicher Investitionen vorzeitig entwertet werden könnte.
Vermögenswerte der Tierhalter unter Druck
Im Fokus der Studie stehen vor allem fixe Vermögenswerte wie Stallgebäude, Maschinen und Zuchttiere. Diese sind eng mit der Produktion tierischer Erzeugnisse verbunden. Aktuell sind etwa 78 % dieser Werte im europäischen Ernährungssystem für die Tierhaltung und Futtermittelerzeugung bestimmt. Konkret entfallen 158 Milliarden Euro auf die Tierhaltung und 100 Milliarden Euro auf die Futtermittelproduktion.
Auswirkungen eines reduzierten Konsums von Fleisch und Milch
Drei Ernährungsszenarien wurden modelliert: moderater, starker und vollständiger Rückgang des Konsums tierischer Produkte. Bei einem Rückgang um 9,5 % könnten Vermögenswerte von 61 Milliarden Euro betroffen sein, was etwa 18 bis 20 % der Tierhaltungsinvestitionen entspricht. Ein starker Rückgang um 60 % würde einen Wertverlust von 168 Milliarden Euro bedeuten, während ein vollständiger Ausstieg Verluste von bis zu 255 Milliarden Euro verursachen könnte. Besonders stark betroffen wären Zuchttierbestände sowie Gebäude und Maschinen.
Pflanzliche Produktion als Alternative
Trotz der Risiken birgt eine pflanzenbetonte Ernährung auch Chancen für Landwirte. Der Wechsel könnte Investitionen in Gemüse, Obst, Nüsse und alternative Proteine fördern. In den Modellierungen steigen die entsprechenden Anlagen um 3 bis 24 % an, wobei der größte Zuwachs in kapitalintensiven Kulturen liegt. Ob diese neuen Vermögenswerte durch Umnutzung bestehender Anlagen entstehen oder völlig neu aufgebaut werden müssen, bleibt offen.
Notwendigkeit eines geordneten Übergangs
Laut den Autoren der Studie könnten bestehende Abschreibungszeiten ausreichend sein, um gefährdete Assets geordnet abzubauen – vorausgesetzt, Investitionen in Tierhaltung werden zügig reduziert. Ein geordneter Übergang könnte den Restwert vieler Anlagen nutzen und gestrandete Vermögenswerte minimieren. Ohne politische Unterstützung drohen jedoch erhebliche Verluste in der Rinder-, Schweine- und Milchwirtschaft.
Die Wissenschaftler empfehlen daher Maßnahmen wie angepasste Abschreibungsregeln, eine Reform der Agrarsubventionen sowie Liquiditätshilfen und Entschädigungsprogramme. Dadurch könnten Landwirte schrittweise auf pflanzenbasierte Wertschöpfungsketten umstellen und somit nachhaltiger wirtschaften.
