Es hätte ein normaler Frühjahrsstart werden sollen. Felder bestellen, Dünger kaufen, die Saison vorbereiten. Stattdessen schauen Ackerbauern in ganz Deutschland dieser Tage auf Harnstoffpreise, die sie an das Krisenjahr 2023 erinnern – und auf eine EU-Regelung, die viele von ihnen bis vor wenigen Monaten kaum kannten. Die Rede ist vom Carbon Border Adjustment Mechanism, kurz CBAM. Seit dem 1. Januar 2026 ist die CO₂-Grenzabgabe der Europäischen Union auf Stickstoffdüngerimporte in vollem Umfang in Kraft – und sie trifft die Landwirtschaft in einem Moment, der ungünstiger kaum sein könnte.
Was ist CBAM – und was hat das mit Dünger zu tun?
CBAM steht für Carbon Border Adjustment Mechanism, auf Deutsch: CO₂-Grenzausgleichsmechanismus. Die Idee dahinter ist im Grundsatz nachvollziehbar. Europäische Unternehmen, die energieintensive Produkte herstellen – etwa Stahl, Zement oder Düngemittel – unterliegen dem europäischen Emissionshandel (ETS) und müssen für jeden ausgestoßenen CO₂-Anteil Zertifikate kaufen. Hersteller außerhalb der EU haben diesen Kostenfaktor nicht. Das schafft Wettbewerbsverzerrungen. CBAM soll das ausgleichen: Wer energieintensive Güter in die EU einführt, zahlt ab 2026 eine Abgabe, die sich an den CO₂-Emissionen der Produktion orientiert.
Klingt gerecht. Für Stahl und Aluminium mag das Prinzip auch weitgehend funktionieren. Für Stickstoffdünger aber – und das ist der Kernpunkt – trifft es nicht die großen Konzerne, sondern am Ende die Landwirte.
Stickstoffdünger wie Harnstoff, Ammoniumnitrat (KAS) und Ammoniaklösung (AHL) werden zu einem erheblichen Teil importiert. Mehr als 30 Prozent des EU-Bedarfs an Stickstoffdüngern kamen traditionell aus Drittstaaten – vor allem aus Russland, Nordafrika, dem Nahen Osten und den USA. Diese Lieferungen sind nun mit der CO₂-Abgabe belastet. Die zusätzlichen Kosten geben Importeure und Händler weiter – an die Landwirte.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt ein Blick auf die aktuellen Marktdaten. An den deutschen Importhäfen lag der Spotmarktpreis für Harnstoff Anfang Februar 2026 bei rund 570 Euro je Tonne. Das sind 50 Euro mehr als noch zu Jahresbeginn – und der höchste Stand seit Februar 2023, dem Hochpunkt der Energiekrise und der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Düngemittelkrise.
Gleichzeitig sind die EU-Düngemittelimporte eingebrochen. Im Januar 2026 importierte die EU nur noch rund 180.000 Tonnen Stickstoffdünger – verglichen mit knapp 1,2 Millionen Tonnen im gleichen Monat des Vorjahres. Ein Rückgang auf unter 16 Prozent des üblichen Niveaus. Der EU-Bauernverband Copa-Cogeca spricht von einem historischen Einbruch und warnt: Die aktuellen Lagerbestände decken gerade einmal 45 bis 50 Prozent des Düngemittelbedarfs für die Ernte 2026.
Die Düngerkosten machen je nach Betriebstyp zwischen 15 und 30 Prozent der gesamten Betriebskosten eines landwirtschaftlichen Betriebs aus. Eine Preissteigerung von 10 bis 20 Prozent, wie sie Analysten der Rabobank für 2026 prognostizieren, schlägt damit unmittelbar auf die Marge durch. Und das in einem Jahr, in dem Getreide-, Kartoffel- und Zuckerrübenpreise ohnehin unter Druck stehen.
Warum der Importrückgang so dramatisch ist
Der Einbruch bei den Düngerimporten hat mehrere Ursachen, die sich gegenseitig verstärken. Zum einen war der Dezember 2025 ein Vorkaufsmonat: Händler und Landwirte haben massenhaft Dünger eingekauft, bevor CBAM in Kraft trat. Die Lager wurden gefüllt, die Preise zogen bereits im Herbst 2025 an. Als die Steuer dann zum 1. Januar 2026 wirksam wurde, waren viele Importeure und Lieferanten schlicht nicht mehr wettbewerbsfähig.
Hinzu kommt der Wegfall russischer Lieferungen. Russland war bis vor kurzem einer der wichtigsten Lieferanten von Stickstoffdünger auf dem europäischen Markt. Günstige russische Ware hatte jahrelang für niedrige Düngerpreise gesorgt. Mit dem Inkrafttreten zusätzlicher Strafzölle auf russische Düngemittel und dem CBAM-Mechanismus sind diese Lieferungen weitgehend aus dem Markt verschwunden. Was bleibt, ist ein strukturelles Angebotsdefizit, das die Preise nach oben treibt.
Besonders stark betroffen sind Ammoniumnitrat, Harnstoff und AHL (Ammoniumnitratlösung) – jene Stickstoffdünger, die im deutschen Ackerbau am weitesten verbreitet sind und direkt von der CBAM-Regelung erfasst werden.
| Düngersorte | Preisänderung seit Jan. 2025 | Prognose bis 2030 |
|---|---|---|
| Harnstoff | +25 % (3-Jahreshoch) | bis +45 % möglich |
| KAS (Kalkammonsalpeter) | +15–20 % | bis +35 % möglich |
| AHL (Flüssigdünger) | +12–18 % | bis +30 % möglich |
| DAP (Diammonphosphat) | stabil bis leicht rückläufig | abhängig von Weltmarkt |
Was EU-Kommission und Politik jetzt tun – oder auch nicht
Angesichts des dramatischen Importrückgangs hat die EU-Kommission reagiert – allerdings nur begrenzt. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič kündigte auf dem Sonderagrarrat im Januar 2026 an, die Meistbegünstigungszölle auf Ammoniak und Harnstoff vorübergehend aussetzen zu wollen. Für das zweite Quartal 2026 ist zudem ein Aktionsplan für Düngemittel geplant.
Das reicht Copa-Cogeca nicht. Der europäische Dachverband der Bauernverbände fordert die EU-Kommission auf, CBAM für Düngemittel komplett zu verschieben und die Kostensteigerungen für Landwirte zu kompensieren. Die Branche hatte diese Entwicklung seit Jahren vorhergesagt. Wiederholte Warnungen über die Folgen der CBAM-Einführung für die Nahrungsmittelerzeugung seien ignoriert worden, heißt es in einer Stellungnahme von Copa-Cogeca.
Die EU-Kommission hatte ursprünglich eine deutlich härtere Gangart geplant. Für andere CBAM-Produkte wie Stahl, Aluminium und Zement gelten Standardwerte von 10 Prozent im Jahr 2026, steigend auf 20 Prozent 2027 und 30 Prozent 2028. Für Düngemittel hat die Kommission die Erhöhung auf nur 1 Prozent begrenzt – ein Zugeständnis, das jedoch an den grundsätzlichen Preisverzerrungen kaum etwas ändert.
Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) hat sich in Brüssel für eine stärkere Berücksichtigung der Landwirtschaft bei der CBAM-Ausgestaltung ausgesprochen. Konkrete Ergebnisse stehen bislang aus.
Kaufen oder abwarten? Die Zwickmühle der Landwirte
Für Ackerbauern steht in diesen Wochen eine Entscheidung an, die Geld kostet – egal wie sie ausgeht. Wer jetzt kauft, zahlt Preise auf Dreijahreshoch. Wer wartet, riskiert noch höhere Preise oder schlicht Lieferengpässe zum entscheidenden Zeitpunkt der Frühjahrsbestellung.
Hinzu kommt: Die Lagerbestände bei Händlern sind nach dem Vorkaufsboom Ende 2025 zwar noch vorhanden – aber nach Einschätzung von Copa-Cogeca nicht ausreichend für den Gesamtbedarf der Ernte 2026. Wer zu lange wartet, könnte seinen Dünger im Notfall zu noch deutlich höheren Preisen einkaufen müssen, oder mit längeren Lieferzeiten konfrontiert sein.
Düngerberater und Einkaufsgenossenschaften empfehlen derzeit, den Mindestbedarf für die erste Düngegabe jetzt zu sichern und die weiteren Mengen gestaffelt zu kaufen – um sowohl Preisrisiken als auch Liquiditätsbelastungen zu verteilen. Einen Königsweg gibt es nicht.
Was das langfristig bedeutet: Mehr als ein Preisproblem
Die CBAM-Düngersteuer ist nicht nur ein kurzfristiges Preisproblem. Sie verändert die Wettbewerbsposition europäischer Landwirte gegenüber der Weltkonkurrenz strukturell. Wer in Brasilien, Argentinien oder den USA Weizen, Mais oder Raps produziert, zahlt keine CO₂-Grenzabgabe auf seinen Dünger. Europäische Landwirte dagegen tragen diese Kosten – ohne dass die Abnehmer ihrer Produkte im Supermarkt oder auf dem Weltmarkt bereit wären, entsprechend höhere Preise zu zahlen.
Damit entsteht ein klassisches Dilemma: Die EU will ihre Landwirtschaft nachhaltiger machen und exportiert die CO₂-Kosten in den Düngereinkauf. Gleichzeitig öffnet sie mit dem Mercosur-Abkommen die Tore für günstigere Importe aus Ländern, die ohne diese Standards produzieren. Für den einzelnen Landwirt in Bayern, Niedersachsen oder Sachsen-Anhalt ist das schwer vermittelbar.
Copa-Cogeca bringt es auf den Punkt: Die Gewinne europäischer Landwirte könnten im dritten Jahr in Folge einbrechen. Ackerbauern stehen ohnehin unter Druck durch schwache Getreidepreise. Jetzt kommt die CBAM-Belastung obendrauf – zu einem Zeitpunkt, an dem die Branche dringend Entlastung bräuchte.
Was als nächstes kommt
Die EU-Kommission will im zweiten Quartal 2026 einen Aktionsplan für Düngemittel vorlegen. Dieser soll konkrete Maßnahmen enthalten, um die Versorgungssicherheit und Presstabilität auf dem europäischen Düngermarkt zu verbessern. Ob das die vorübergehende Aussetzung von Zöllen, technische Schutzmaßnahmen oder Kompensationszahlungen umfasst, ist noch offen.
Parallel dazu verhandelt die EU weiter über den Mehrjährigen Finanzrahmen und die GAP-Reform ab 2028. Die Frage, ob und wie die CBAM-Mehrkosten für Landwirte kompensiert werden, wird ein zentrales Thema in diesen Verhandlungen sein.
Für die Frühjahrsbestellung 2026 kommt jede politische Lösung zu spät. Die Preise sind hoch, die Lager knapp, die Unsicherheit groß. Was bleibt, ist die Hoffnung auf einen raschen Aktionsplan – und auf einen Weltmarkt, der nicht noch weiter nach oben dreht.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| EU-Düngerimporte Jan. 2026 | ~180.000 t Stickstoffdünger |
| EU-Düngerimporte Jan. 2025 | ~1,2 Mio. t (Vergleichsmonat) |
| Rückgang | -85 % |
| Harnstoffpreis Feb. 2026 (dt. Häfen) | ~570 €/t |
| Deckungsgrad Lagerbestände | ca. 45–50 % des Jahresbedarfs |
| Prognose Preissteigerung bis 2030 | bis +50 % (Harnstoff) |
| CBAM-Standardwert Dünger 2026 | +1 % (andere Sektoren: +10 %) |
| Anteil Düngerkosten an Betriebskosten | 15–30 % |

