Neun Monate – ist das lang oder kurz? In dieser Zeit kann man ein Kind zur Welt bringen. Man kann eine Meisterprüfung ablegen, einen Betrieb aufbauen oder ein Feld von der Aussaat bis zur Ernte begleiten. Neun Monate sind in der Landwirtschaft kein abstrakter Zeitraum – sie sind ein kompletter Zyklus. Genug Zeit, um zu sehen, was wächst. Und was nicht. Als Friedrich Merz im Mai 2025 als Bundeskanzler vereidigt wurde, hatten Hunderttausende Landwirte in den Monaten davor auf Deutschlands Straßen demonstriert, Traktoren vor dem Brandenburger Tor geparkt und die Ampel-Regierung mit ihrer Abschaffung des Agrardiesels und wachsender Bürokratie zur Verzweiflung getrieben. Die neue schwarz-rote Koalition trat mit einem klaren Versprechen an: Dieser Politikwechsel soll anders werden. Mehr Planungssicherheit. Weniger Auflagen. Und endlich wieder Respekt für diejenigen, die Deutschland ernähren.
Neun Monate später ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Was hat die Regierung von Kanzler Merz und Agrarminister Alois Rainer (CSU) tatsächlich geliefert? Wo wurden Versprechen aus dem Koalitionsvertrag eingelöst? Und wo klafft zwischen Ankündigung und Wirklichkeit eine Lücke, durch die ein Fendt 942 Vario hindurchfahren könnte?
Der Koalitionsvertrag: Ein Aufbruch auf dem Papier
Bevor man die Umsetzung bewertet, muss man verstehen, was überhaupt versprochen wurde. Der Koalitionsvertrag „Verantwortung für Deutschland“ vom April 2025 enthielt für die Landwirtschaft ein ambitioniertes Programm – zumindest auf dem Papier.
Die zentralen Zusagen im Kapitel „Ländliche Räume, Landwirtschaft, Ernährung, Umwelt“ lauteten:
Die Agrardiesel-Rückvergütung sollte vollständig wieder eingeführt werden. Alternativkraftstoffe wie HVO sollten von der Energiesteuer befreit werden. Für den tierwohlgerechten Stallbau wollten Union und SPD dauerhaft die notwendigen Mittel auf Grundlage staatlicher Verträge bereitstellen – Schätzungen der eigenen Arbeitsgruppe bezifferten den Bedarf auf rund 1,5 Milliarden Euro jährlich. Bürokratie sollte abgebaut werden: konkret die Abschaffung der Stoffstrombilanzverordnung, die Vereinheitlichung des Agrarantrags über alle Bundesländer hinweg und die Abschaffung unnötiger Doppelmeldungen. Der Wolf sollte „umgehend“ ins Jagdrecht aufgenommen werden. Rote Gebiete und Düngerecht sollten eine rechtssichere Neuregelung bekommen. Und die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) sollte deutlich aufgestockt werden.
Hinzu kamen steuerliche Erleichterungen: eine steuerliche Risikoausgleichsrücklage, die Landwirte jährlich um rund 100 Millionen Euro entlasten sollte, sowie ein allgemeiner „Investitions-Booster“ mit einer degressiven Abschreibung von 30 Prozent für Ausrüstungsinvestitionen.
Insgesamt bezifferte die zuständige Arbeitsgruppe den zusätzlichen Finanzbedarf für die Agrarpolitik auf rund 14,8 Milliarden Euro für den Zeitraum 2025 bis 2028. Eine Zahl, die Bauernpräsident Joachim Rukwied lobend erwähnte – wenn auch mit dem Zusatz, dass der Koalitionsvertrag den Herausforderungen der Landwirtschaft „nur in Ansätzen“ gerecht werde.
Alois Rainer, der 60-jährige Metzgermeister aus Niederbayern, übernahm das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat mit dem Versprechen eines echten Kurswechsels. „Wir haben verstanden“, sagte er bei seiner Amtseinführung. Neun Monate später lohnt es sich, diese Aussage zu überprüfen.
Was funktioniert hat: Die echten Erfolge
Agrardiesel: Das Signal kam – und es kam rechtzeitig
Beim Agrardiesel hat die Regierung geliefert. Nicht nur versprochen, geliefert. Das ist im politischen Berlin keine Selbstverständlichkeit, also sollte man es klar benennen.
Die Ampel-Koalition hatte Ende 2023, mitten in der größten Haushaltskrise, die Agrardiesel-Rückvergütung schrittweise abgeschafft. Was folgte, war eine Protestwelle, die Deutschland selten erlebt hat: Tausende Traktoren auf Autobahnen, blockierte Ministerien, glühende Fackeln auf norddeutschen Feldern. Die Rückvergütung, die bis Ende Februar 2024 noch 21,48 Cent pro Liter betrug, sank bis Ende 2025 auf 6,44 Cent – und wäre zum Jahreswechsel komplett weggefallen.
Stattdessen: Ab dem 1. Januar 2026 erhalten land- und forstwirtschaftliche Betriebe wieder die vollen 21,48 Cent pro Liter zurück. Das Bundeskabinett hatte den entsprechenden Gesetzentwurf bereits im September 2025 beschlossen. Die Entlastung für die Branche beträgt dauerhaft rund 430 Millionen Euro jährlich. Ein durchschnittlicher Betrieb bekommt im Jahr etwa 2.790 Euro zurück – je nach Größe und Bewirtschaftungsform mehr oder weniger.
Agrarminister Rainer formulierte es so, wie Politiker das eben tun: „Die Bundesregierung hat eine der größten Fehlentscheidungen der Ampel-Regierung korrigiert.“ Das stimmt. Und es ist auch politisch wichtig – denn die symbolische Botschaft an die Landwirte lautete: Diese Regierung hört zu.
Ebenfalls positiv: HVO-Kraftstoffe (Hydrierte Pflanzenöle) wurden in die Entlastungsregelung aufgenommen. Das war eine langjährige Forderung der Branche und ein konkreter Schritt in Richtung Technologieoffenheit bei alternativen Kraftstoffen.
Stoffstrombilanzverordnung: Bürokratieabbau, der wirklich bürokratisch war
Weniger spektakulär als der Agrardiesel, aber für viele Betriebe mindestens genauso spürbar: Die Stoffstrombilanzverordnung ist Geschichte. Das Bundeskabinett stimmte dem Vorschlag von Minister Rainer am 24. Juni 2025 zu; am 7. Juli 2025 trat die Aufhebungsverordnung in Kraft.
Die Stoffstrombilanzverordnung war 2018 eingeführt worden, um Nährstoffflüsse auf landwirtschaftlichen Betrieben transparenter zu machen. In der Praxis hatte sie sich als praxisfern und bürokratisch aufwendig erwiesen, ohne nachweislich zur Verbesserung der Nitratbelastung beizutragen. Wer einen größeren Betrieb mit Tierhaltung geführt hat, weiß, was das bedeutete: Stunden um Stunden für Dokumentationen, die am Ende niemand brauchte.
Natürlich ist eine einzige Verordnung kein Bürokratieabbau. Aber sie war ein sichtbares Signal, dass die Koalition ihren eigenen Koalitionsvertrag ernst nimmt – zumindest in diesem Punkt.
Saisonarbeit: 90 statt 70 Tage
Im November 2025 verabschiedete der Bundestag mit den Stimmen von CDU, CSU und SPD eine Ausweitung der Saisonarbeit in der Landwirtschaft. Ab 2026 dürfen Saisonarbeitskräfte bis zu 90 Tage sozialversicherungsfrei beschäftigt werden, statt bisher 70 Tage. Die Regelung gilt ganzjährig für alle landwirtschaftlichen Betriebe und soll auch dazu beitragen, den Selbstversorgungsgrad Deutschlands mit landwirtschaftlichen Produkten zu erhöhen.
Klingt gut? Kommt auf den Standpunkt an. Für Obst- und Gemüsebauern, die auf ausländische Saisonkräfte angewiesen sind, ist es eine Erleichterung. Für die Verbände der land- und forstwirtschaftlichen Arbeitgeber ist es zu wenig: Der Gesamtverband (GLFA) hat klar gemacht, dass Lohnkosten in manchen Betrieben bis zu 60 Prozent der Produktionskosten ausmachen. Zwanzig Tage mehr ändern daran strukturell wenig – vor allem solange kein Sonderweg beim steigenden Mindestlohn geschaffen wird.
Was nicht funktioniert hat: Die offenen Wunden
Stallbau und Tierwohl: Das größte gebrochene Versprechen
Hier wird es unangenehm. Und zwar wirklich unangenehm.
Der Koalitionsvertrag war eindeutig: „Wir stellen die notwendigen Mittel für den tierwohlgerechten Stallbau auf Grundlage staatlicher Verträge dauerhaft bereit.“ Noch konkreter formulierte es die Arbeitsgruppe im Vorfeld der Koalitionsverhandlungen: 1,5 Milliarden Euro jährlich seien notwendig, um Landwirten die Umrüstung auf tiergerechtere Haltungssysteme zu ermöglichen. Die Logik dahinter war klar: Gesellschaft und Politik verlangen bessere Tierhaltung, also muss die Politik auch die Kosten dafür mittragen. Planungssicherheit statt Ordnungsrecht.
Was passierte stattdessen? Im September 2025 kündigte Agrarminister Rainer das Ende der staatlichen Förderung für den Umbau der Tierhaltung an. Das zuständige Referat im Bundesministerium wurde aufgelöst. Keine neuen Förderprogramme, kein klarer Finanzierungsplan. Aus 1,5 Milliarden Euro versprochener Jahresförderung wurde: nichts.
Bauernpräsident Rukwied hat das in aller Klarheit kritisiert. Der Agrarhaushalt 2026 hat zwar 7 Milliarden Euro für die Landwirtschaft vorgesehen – das Niveau liegt stabil. Aber die von Rainer angekündigten Aufstockungen für den Stallumbau und die Gemeinschaftsaufgabe GAK blieben aus. „Unsere heimische Landwirtschaft ist systemrelevant und auf Zukunftsinvestitionen angewiesen. Der Bund muss dringend notwendige Investitionsimpulse setzen“, forderte Rukwied nach dem Haushaltsbeschluss. Ein Lob war das nicht.
Was das konkret bedeutet: Ein Schweinemäster in Niedersachsen, der auf Auslaufhaltung umstellen will, sitzt vor einem sechsstelligen Investitionsbedarf. Er hat keine staatliche Fördergarantie mehr. Er hat keine Planungssicherheit. Und er hat im Koalitionsvertrag gelesen, dass die Regierung ihn unterstützen wollte. Das Vertrauen, das in den Bauernprotesten 2024 noch als wiederherstellbar galt, wird durch solche Entwicklungen erneut beschädigt.
Kritiker – darunter Tierschutzorganisationen wie der Bundesverband Menschen für Tierrechte – werfen Rainer vor, nicht nur den Koalitionsvertrag zu konterkarieren, sondern auch die Beschlüsse der von der Bundesregierung selbst eingesetzten Zukunftskommission Landwirtschaft zu ignorieren. Beide hatten die Stallförderung als zentrales Instrument empfohlen. Rainer setzt stattdessen auf Export und Wettbewerbsfähigkeit – ein agrarpolitischer Schwenk, der innerhalb der Branche kontrovers diskutiert wird.
Düngerecht und Rote Gebiete: Planungssicherheit vertagt
Wer einen landwirtschaftlichen Betrieb in einem sogenannten „Roten Gebiet“ führt, kennt das Gefühl: Jedes Jahr neue Unsicherheiten, neue Auflagen, und ein Bund-Länder-Streit, der kein Ende findet. Der Koalitionsvertrag versprach eine Lösung. Neun Monate später ist die Situation sogar komplizierter geworden.
Das Bundesverwaltungsgericht hatte mit seinem Urteil das bisherige System der Roten Gebiete für rechtswidrig erklärt. Seitdem herrscht rechtliche Unsicherheit: Dürfen Landwirte in diesen Gebieten nach alter Regelung düngen oder nicht? Das Landwirtschaftsministerium hat die Kontrolle der Roten Gebiete vorläufig ausgesetzt – keine Dauerlösung, sondern ein Notpflaster.
Minister Rainer hat eingeräumt, dass eine „kleine Lösung“ zur Anpassung der Düngeverordnung frühestens Mitte 2026 möglich sei. Eine „große Lösung“, die das System grundlegend neu aufstellt und die EU-Nitratrichtlinie mit den deutschen Verhältnissen in Einklang bringt, ist nach seinen eigenen Aussagen frühestens Mitte 2027 realistisch. Dazwischen: Ungewissheit für Tausende Betriebe.
Die Umweltminister der Länder haben die Bundesregierung inzwischen aufgefordert, „unverzüglich“ Vorschläge zur rechtssicheren Anpassung des Düngerechts zu entwickeln. Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus hatte zu Beginn der Düngesaison 2026 eine Lösung gefordert. Die ist ausgeblieben. Was bleibt, ist ein Zustand, in dem Landwirte nicht wissen, ob ihre Düngemaßnahmen legal sind – und in dem Investitionen in Böden und Technik damit auf Eis liegen.
Wolf: Umgehend ins Jagdrecht? Von wegen
„Der Wolf wird umgehend in das Jagdrecht aufgenommen.“ So steht es im Koalitionsvertrag. Das Wort „umgehend“ ist eindeutig. Neun Monate später hat der Wolf noch immer keinen rechtlichen Status im deutschen Jagdrecht, und die Situation auf Weiden, Almen und Schafherden hat sich nicht verbessert.
Der Hintergrund: Die EU hat den Schutzstatus des Wolfes in der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie bereits herabgesetzt – von „streng geschützt“ auf „geschützt“. Dieser EU-Beschluss muss nun in nationales Recht umgesetzt werden. Das ist formal korrekt und der richtige Weg. Aber „umgehend“ klingt anders als neun Monate ohne abgeschlossenes Gesetzgebungsverfahren.
Auf der Herbsttagung der Agrarminister der Länder im September 2025 rechneten die Länderkollegen öffentlich mit dem Wolfsmanagement der Bundesregierung ab. Der Tenor: Viel Ankündigung, wenig Umsetzung. Für Schaf- und Ziegenhalter in Norddeutschland, Bayern und Sachsen, die jeden Morgen bangend ihre Weiden kontrollieren, ist das kein abstrakt-politisches Problem.
Bürokratieabbau: Ein weiter Weg mit kleinen Schritten
Die Abschaffung der Stoffstrombilanzverordnung war gut. Aber der Koalitionsvertrag hatte mehr versprochen. Die Vereinheitlichung des Agrarantrags über alle Bundesländer hinweg – sogenannte einheitliche Online-Antragsportale – ist noch nicht umgesetzt. Derzeit unterscheiden sich die Portale der Bundesländer erheblich, was Betriebe mit Flächen in mehreren Bundesländern vor erhebliche Herausforderungen stellt.
Die 194 Vorschläge der Länder zum Bürokratieabbau, die der Ampel-Koalition bereits vorlagen, sollten neu bewertet werden. Ob das geschehen ist, lässt sich nicht abschließend beurteilen – konkrete Ergebnisse sind öffentlich nicht bekannt.
Das Bundesministerium hat intern erklärt, Bürokratieabbau solle zur „Grundeinstellung“ werden und bei allen Prozessen mitgedacht werden. Das klingt gut. Wie es sich in der Praxis auswirkt, werden Landwirte erst dann spüren, wenn konkrete Entlastungen ankommen – und nicht nur in Ministeriumsbroschüren stehen.
Der Schatten aus Brüssel: Mercosur und die Grenzen nationaler Politik
Ein Punkt verdient besondere Erwähnung, weil er zeigt, wie begrenzt nationale Agrarpolitik im EU-Rahmen tatsächlich ist: das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten.
Im Januar 2026 blockierten Traktoren die Straßen vor dem Europaparlament in Straßburg – einen Tag vor der Abstimmung über das Abkommen. Landwirte aus Deutschland, Frankreich, Österreich und Polen protestierten gemeinsam. Das Abkommen wird von Bauernverbänden als unfair kritisiert: Agrargüter aus Brasilien, Argentinien und anderen Mercosur-Staaten könnten zu deutlich günstigeren Produktionsbedingungen auf den europäischen Markt gelangen – ohne die Standards für Tierschutz, Umwelt und Pflanzenschutz einhalten zu müssen, die europäischen Landwirten vorgeschrieben sind. Das Europaparlament ließ das Vorhaben inzwischen vom Europäischen Gerichtshof prüfen.
Die Merz-Regierung hat sich in Brüssel für ein „entsprechendes GAP-Budget“ im nächsten mehrjährigen Finanzrahmen eingesetzt – eine wichtige, aber vage Aussage. Deutschland ist der größte EU-Nettozahler. Was das genau bedeutet und wie durchsetzungsstark Berlin in dieser Frage tatsächlich agiert, bleibt abzuwarten.
Fakt ist: Wenn das Mercosur-Abkommen in seiner aktuellen Form in Kraft tritt, dürfte es die wirtschaftliche Lage vieler europäischer Landwirte spürbar verschlechtern – unabhängig davon, ob der Agrardiesel zurück ist oder nicht.
Die Stimmen aus der Praxis: Was Landwirte wirklich denken
Agrarminister Rainer bezeichnete den Stand nach den ersten Monaten seiner Amtszeit als „Kurswechsel“. Bauernpräsident Rukwied sieht das anders. Er bescheinigt dem Koalitionsvertrag zwar „einige positive Punkte“ – aber: „Der notwendige Politikwechsel ist nur in Ansätzen erkennbar.“
Das ist diplomatisch formuliert. Wer mit Landwirten spricht – auf Dorfabenden, an Stammtischen oder auf den Feldern Brandenburgs und Bayerns – hört andere Töne. Die Enttäuschung über die ausgebliebene Stallbauförderung ist groß. Die Freude über den Agrardiesel ist real, wird aber relativiert: „Das haben sie uns weggenommen und jetzt tun sie so, als wäre die Rückkehr ein Geschenk“, sagt ein Mecklenburg-Vorpommerner Landwirt, der auf einem Betrieb mit 800 Hektar Ackerbau wirtschaftet. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Aber das Zitat ist repräsentativ für eine Stimmungslage.
Im Weinbau sieht es noch dramatischer aus. Der deutsche Weinmarkt erlebt nach Jahren stagnierender Preise einen rapiden Absatzeinbruch. Viele Winzer denken über Flächenreduzierungen nach. Der steigende Mindestlohn – den die Mindestlohnkommission für 2026 bei 15 Euro ansetzt – trifft arbeitsintensive Kulturen besonders hart. Eine Sonderregelung für die Landwirtschaft, die CDU/CSU im Koalitionsvertrag angedeutet hatte, hat die Union gegenüber der SPD nicht durchgesetzt. Offiziell verweist die Koalition auf die Zuständigkeit der unabhängigen Mindestlohnkommission. De facto ist das eine Niederlage für den Bauernverband.
Ein Blick auf die Zahlen: Was der Agrarhaushalt verrät
Zahlen lügen nicht – zumindest nicht so leicht wie Wahlkampfversprechen. Der Agrarhaushalt 2026 umfasst rund 7 Milliarden Euro. Das ist stabil, im Vergleich zu 2024 mit rund 6,9 Milliarden Euro sogar leicht gestiegen. Im Sinne strikter Haushaltsdisziplin und eines Gesamtbudgets unter Konsolidierungsdruck ist das keine schlechte Nachricht.
Aber: Die Erhöhungen, die Minister Rainer in den Verhandlungen mit Finanzminister Klingbeil angestrebt hatte – insbesondere für den Stallbau und die GAK – kamen nicht. Das Energieeffizienzprogramm des Ministeriums hatte lange einen Antragsstopp wegen fehlender Mittel. Für die Digitalisierung der Landwirtschaft kommen rund 20 Millionen Euro jährlich aus dem Sondervermögen des Bundes. Die GAK-Förderung für den Wald soll ab 2026 um 10 Millionen Euro auf 110 Millionen Euro steigen. Das sind, bei allem Respekt, keine transformativen Investitionen für eine Branche, die sich im tiefgreifenden Strukturwandel befindet.
Zum Vergleich: Die Stallbauförderung allein hätte laut Koalitionsvertrag 1,5 Milliarden Euro jährlich erfordert. Stattdessen: null.
Bewertung: Geliefert, halbherzig und ausgeblieben
Lässt man die ersten neun Monate der Merz-Regierung für die Landwirtschaft Revue passieren, ergibt sich ein gemischtes Bild – mit einer deutlichen Schieflage.
Was geliefert wurde, sind vor allem symbolisch und operativ wichtige Maßnahmen: der Agrardiesel, die Abschaffung einer ungeliebten Verordnung, die Ausweitung der Saisonarbeit. Das sind echte Entlastungen, und man darf sie nicht kleinreden. Für viele Betriebe macht der Agrardiesel einen Unterschied von mehreren Tausend Euro im Jahr aus.
Was halbherzig oder gar nicht umgesetzt wurde, betrifft dagegen die strategisch wichtigen Felder: den Umbau der Tierhaltung, die rechtssichere Neugestaltung des Düngerechts, die konsequente Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht und einen wirklich spürbaren Bürokratieabbau. Das sind keine Kleinigkeiten. Das sind die Entscheidungen, die bestimmen, ob Deutschland in zehn Jahren noch eine produzierende Landwirtschaft hat oder nicht.
Der Bauernverband fasst es nüchtern zusammen: Die Grundlagen stimmen, die Umsetzung enttäuscht. Wer den Koalitionsvertrag kennt und die ersten neun Monate beobachtet hat, kommt zu einem ähnlichen Schluss: Das Papier war mutiger als die Politik.
Was noch kommt: Die nächsten Monate werden entscheidend
Der Düngerechts-Chaos mit Roten Gebieten muss bis spätestens Mitte 2026 rechtssicher gelöst werden – sonst droht der nächste Gerichtsstreit. Die Wolfsfrage liegt als Gesetzentwurf irgendwo in den Schubladen Berlins und muss endlich auf den Tisch. Die Stallbauförderung bleibt das offene, brennende Problem: Entweder findet Rainer einen Weg, die versprochenen Mittel zu mobilisieren, oder er muss sich den Vorwurf des Vertragsbruchs gefallen lassen.
Das EU-Mercosur-Abkommen wird die agrarpolitische Debatte der nächsten Monate prägen. Wenn es – trotz der laufenden EuGH-Prüfung – in Kraft tritt, wird die Bundesregierung unter erheblichem Druck stehen zu erklären, wie sie die heimische Landwirtschaft vor dem Wettbewerbsnachteil schützen will.
Und dann ist da noch der Mindestlohn. Wenn er 2026 auf 15 Euro steigt und es keine Sonderregelung für saisonale Landarbeit gibt, werden insbesondere Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Die Debatte ist nicht beendet – sie fängt gerade erst an.
Fazit: Eine Koalition auf Probe
Neun Monate reichen nicht aus, um eine vollständige Bilanz zu ziehen. Manche Vorhaben brauchen Zeit, manche scheitern an Haushaltszwängen, manche an politischen Kompromissen zwischen CDU und SPD. Das ist normaler Regierungsalltag.
Aber die Landwirtschaft ist eine Branche, die keine Zeit hat. Betriebe, die heute keine Planungssicherheit für Stallinvestitionen bekommen, entscheiden morgen, die Tierhaltung aufzugeben. Landwirte, die weiter mit bürokratischen Auflagen kämpfen, verlieren Energie, die sie für ihre Kernaufgabe brauchen: Lebensmittel zu produzieren.
Agrarminister Rainer hat das Agrardiesel-Versprechen gehalten. Das verdient Anerkennung. Aber er schuldet der Branche noch deutlich mehr – und die nächsten neun Monate werden zeigen, ob die Merz-Regierung wirklich den Kurswechsel liefert, den sie versprochen hat. Oder ob die Traktoren 2026 wieder rollen.
| Versprechen im Koalitionsvertrag | Status (Feb. 2026) | Anmerkung |
|---|---|---|
| Agrardiesel-Rückvergütung vollständig zurück | ✅ Umgesetzt | Ab 1.1.2026, 21,48 Cent/Liter |
| Alternative Kraftstoffe (HVO) steuerfrei | ✅ Umgesetzt | In Agrardiesel-Regelung integriert |
| Stoffstrombilanzverordnung abschaffen | ✅ Umgesetzt | In Kraft seit Juli 2025 |
| Saisonarbeit: Verlängerung auf 90 Tage | ✅ Umgesetzt | Ab 2026 |
| Stallbau-Förderung (1,5 Mrd. € p.a.) | ❌ Nicht umgesetzt | Förderung eingestellt (Sept. 2025) |
| Düngerecht / Rote Gebiete neu regeln | ⏳ Ausstehend | Lösung frühestens Mitte 2026 |
| Wolf ins Jagdrecht aufnehmen | ⏳ Ausstehend | Gesetzgebungsverfahren noch offen |
| Bürokratieabbau / Agrarantrag vereinheitlichen | 🔄 Teilweise | Nur erste Schritte erkennbar |
| GAK deutlich aufstocken | 🔄 Teilweise | Kein nennenswerter Aufwuchs |
| Steuerliche Risikoausgleichsrücklage | 🔄 In Arbeit | Zeitplan unklar |
| Mercosur-Schutz für heimische Landwirtschaft | ❌ Ungelöst | EU-Abkommen trotz Protesten vorangetrieben |

