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GAP-Reform 2028: Was die geplanten Kürzungen für deutsche Landwirte bedeuten

Die EU-Kommission hat im Juli 2025 ihren Entwurf für den nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen vorgelegt – und der hat es in sich. Direktzahlungen sollen um rund 20 Prozent sinken, das bewährte Zwei-Säulen-Modell der Gemeinsamen Agrarpolitik wird abgeschafft. Für Deutschland stehen bis zu 1,3 Milliarden Euro weniger pro Jahr auf dem Spiel.

Was die EU-Kommission konkret plant

EU-Agrarkommissar Christophe Hansen hatte die Brisanz des Reformvorschlags offenbar selbst geahnt: Als er am 16. Juli 2025 gemeinsam mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Pläne in Brüssel vorstellte, geschah das mit mehrstündiger Verzögerung – dem Vernehmen nach nach Verhandlungen bis zur letzten Minute.

Der Kern des Vorschlags: Der bisherige EU-Agrarhaushalt von rund 375 Milliarden Euro für die laufende Periode soll in der neuen Förderperiode 2028 bis 2034 auf ein Mindestbudget von 300 Milliarden Euro für Flächenprämien sinken. Das ist eine Kürzung von etwa 20 Prozent. Gleichzeitig soll das eigenständige GAP-Budget abgeschafft werden. Stattdessen soll die Agrarpolitik in einen neuen Einheitsfonds für „Nationale und Regionale Partnerschaftspläne“ (NRP) eingegliedert werden – gemeinsam mit der Kohäsionspolitik und anderen EU-Programmen. Das klassische Zwei-Säulen-Modell der GAP hätte damit Geschichte.

LK-Österreich-Präsident Josef Moosbrugger brachte es auf den Punkt: Er sprach vom „Anfang vom Ende der Gemeinsamen Agrarpolitik“.

Ein Degressionsmodell mit harten Folgen

Was viele Betriebe besonders aufschreckt, ist das geplante Degressionsmodell bei den Direktzahlungen. Die EU-Kommission schlägt vor, Zahlungen ab einer bestimmten Höhe schrittweise zu kürzen – und bei 100.000 Euro je Betrieb und Jahr hart zu deckeln.

Direktzahlungen pro BetriebGeplante Kürzung
20.000 bis 50.000 Euro25 Prozent
50.000 bis 75.000 Euro50 Prozent
Über 75.000 Euro75 Prozent
Über 100.000 Eurovollständige Kappung

Hansen begründete das mit dem Ziel, kleinere Betriebe, Junglandwirte und Neueinsteiger stärker zu fördern. Kritiker halten dagegen: Wer Arbeitskräfte beschäftigt, hat zwangsläufig höhere Betriebskosten und höhere Prämiensummen – ohne dass der Betrieb damit groß oder besonders profitabel wäre.

Deutschland verliert 1,3 Milliarden Euro pro Jahr

Für Deutschland sind die Zahlen konkret: Nach aktuellem Stand würde das Land in der Förderperiode 2028 bis 2034 mit rund 33 Milliarden Euro etwa 1,3 Milliarden Euro weniger bekommen als bisher. Pro Jahr wären das im Schnitt rund 190 Millionen Euro weniger Agrarförderung.

Die deutschen Länderagrarminister haben deshalb eine klare Linie gezogen: Die 20-Prozent-Kürzung ist für sie tabu. Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) forderte unmissverständlich einen eigenständigen und ausreichend finanzierten GAP-Fonds. Ihr Parteikollege, Bundesagrarminister Alois Rainer, muss diese Position nun in Brüssel vertreten. Im EU-Agrarrat dürfte er dabei viele Amtskollegen hinter sich wissen – der Widerstand gegen Hansens Pläne ist breit.

Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), nannte den Kommissionsvorschlag schlicht einen „Angriff auf die Landwirtschaft“ und eine „Renationalisierung der GAP“.

EU-Parlament stellt sich quer

Auch das Europäische Parlament macht beim Thema Kürzungen nicht mit. In einer Entschließung, die Anfang September 2025 mit 393 zu 145 Stimmen angenommen wurde, forderten die Abgeordneten einen eigenständigen, aufgestockten Agrarhaushalt. Den geplanten NRP-Einheitsfonds lehnten sie ab. Die zuständige Berichterstatterin Carmen Crespo Díaz (EVP) formulierte die Parlamentsposition unmissverständlich: Kürzungen beim Agrarhaushalt oder Versuche, die GAP zu nationalisieren, werde das Parlament nicht mittragen.

Grünen-Abgeordneter Martin Häusling hält es sogar für möglich, dass die Kommissionsvorschläge vollständig scheitern könnten. Zumindest Hansen konnte im Agrarausschuss bislang nicht klar benennen, wie viel Geld für Landwirte insgesamt noch verfügbar sein wird – wenn NRP-Fonds und Direktzahlungen neu verrechnet werden.

Kurswechsel nach den Protesten

Die Bauernproteste Ende Dezember 2025 – ausgelöst durch GAP-Kürzungspläne und das Mercosur-Freihandelsabkommen – haben offenbar Wirkung gezeigt. Anfang Januar 2026 lud die EU-Kommission die Agrarminister zu einem Dringlichkeitstreffen. Das Ergebnis: Das Gesamtbudget für die Landwirtschaft soll nun auf rund 400 Milliarden Euro steigen. Zur Basis von 300 Milliarden kommen bis zu 45 Milliarden Euro als Kompensation in den ersten Jahren der neuen Periode sowie weitere rund 50 Milliarden Euro für die ländliche Entwicklung.

Hansen betonte, dass Mitgliedstaaten über sogenannte freie Mittel des NRP-Fonds das Budget nach eigenem Ermessen noch deutlich erhöhen können. Ob diese Ankündigungen als echter Kurswechsel oder als politisches Beruhigungsmittel zu werten sind, wird sich in den Verhandlungen zeigen.

Der Zeitplan ist das eigentliche Problem

Unabhängig vom Streit über die Budgethöhe steckt die GAP-Reform in einem ernsthaften Zeitplan-Dilemma. Die endgültigen Trilog-Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und Rat können frühestens Anfang 2027 beginnen – das Europäische Parlament will erst im Januar 2027 abschließend über seine Position abstimmen. Zuvor müssen noch Tausende Änderungsanträge im Landwirtschaftsausschuss beraten werden.

Damit bleibt für die nationale Umsetzung kaum Zeit. Bund und Länder müssten neue GAP-Strategiepläne erarbeiten, IT-Systeme anpassen, Verwaltungsprozesse umstellen. Wer sich an 2023 erinnert, weiß: Damals kamen die Auszahlungen in Sachsen und Niedersachsen teilweise erst im Februar 2024 an – weil die Zahlungsstellen mit den neuen Regeln nicht rechtzeitig fertig wurden. Ein ähnliches Szenario droht 2028.

Was jetzt noch offen ist

Zentrale Streitpunkte sind Stand Februar 2026 noch ungelöst. Die Kappung der Direktzahlungen ab 60.000 Euro, die die EU-Kommission den Mitgliedstaaten freistellen will, spaltet die Agrarminister. Der NRP-Fonds wird von Parlament und vielen Mitgliedstaaten weiterhin abgelehnt. Und die konkrete Ausgestaltung der Degression – wer wie viel verliert – ist noch nicht in trockenen Tüchern.

EU-Rechnungshof-Prüfer haben darüber hinaus gewarnt, dass Landwirte unter dem neuen System länger auf ihre Zahlungen warten könnten. Und dass ein Wettbewerbsnachteil entstehen könnte, wenn Mitgliedstaaten die nationalen Pläne sehr unterschiedlich ausgestalten.

Für deutsche Landwirte bedeutet das: Die nächste Förderperiode wird anders als alle bisherigen. Wie anders, ist noch offen.

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