Die Erhöhung des Mindestlohns in Deutschland stellt landwirtschaftliche Betriebe, insbesondere solche mit arbeitsintensiven Sonderkulturen, vor erhebliche Herausforderungen. Während der Mindestlohn ab 2026 auf 13,90 € steigt, bleibt er in anderen EU-Ländern deutlich niedriger oder existiert gar nicht, was die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Landwirte beeinträchtigt.
Erhöhter Kostendruck für Sonderkulturen
Für Betriebe, die Spargel, Beeren oder Baumobst anbauen, machen die Lohnkosten bis zu 60 % der Produktionskosten aus. Holger Hennies vom Landvolk und Claus Schliecker von der Fachgruppe Obstbau betonen, dass jede Erhöhung des Mindestlohns unmittelbar durchschlägt und den finanziellen Druck erhöht.
Da die Ernte solcher Kulturen oft per Hand erfolgt und stark wetterabhängig ist, ist eine weitere Mechanisierung kaum realisierbar. Laut Schliecker sind saisonale Arbeitskräfte unverzichtbar, da bei Ausfallzeiten durch schlechtes Wetter in guten Phasen umso intensiver gearbeitet werden muss.
Europaweite Konkurrenz und Selbstversorgungsgrad
Im europäischen Vergleich stehen deutsche Landwirte unter Druck: Während Griechenland nur 5,60 € und Polen 7,08 € als Mindestlohn zahlen, importiert Deutschland viel Gemüse aus Spanien (8,37 €) oder Marokko, wo kein gesetzlicher Mindestlohn existiert. Dies erschwert es deutschen Betrieben zusätzlich, ihren Selbstversorgungsgrad zu steigern – ein Ziel des Koalitionsvertrags.
Laut Hennies liegt der Eigenversorgungsgrad in Deutschland aktuell bei lediglich 36 % für Gemüse und 23 % für Obst. Wie diese Zahlen verbessert werden sollen, bleibt angesichts steigender Kosten offen.
Gesellschaftliche Auswirkungen der Lohnerhöhung
Laut Berechnungen der Bertelsmann Stiftung profitieren etwa 20 % der Beschäftigten von der Mindestlohnerhöhung. Doch Hennies warnt davor, dass junge Menschen eher geneigt sein könnten, einen direkten Job zum Mindestlohn anzunehmen anstatt eine Ausbildung zu beginnen. Er sieht hierin eine Gefahr für das duale Ausbildungssystem und den sozialen Aufstieg.
Kompromissvorschläge abgelehnt
Bemühungen der Berufsverbände zur Einführung eines gesonderten Lohnes für Saisonarbeitskräfte wurden vom Bundeslandwirtschaftsministerium zurückgewiesen. Diese hatten vorgeschlagen, saisonale Arbeiter mit 80 % des Mindestlohns zu entlohnen. Stattdessen fordern die Verbände Entlastungen im Sozialversicherungsrecht.
Zudem entstehen den Betrieben weitere Kosten durch Unterkünfte und höhere Löhne für feste Angestellte. Schliecker weist darauf hin, dass viele Höfe gezwungen sind, auf weniger arbeitsintensive Kulturen umzusteigen oder ihren Anbau vollständig aufzugeben.
Zukunft der Sonderkulturen in Niedersachsen
Laut Hennies droht ein Rückgang von Sonderkulturen in Niedersachsen aufgrund politisch bedingter Verschlechterungen der Wettbewerbsfähigkeit. Dies könnte zu verstärkten Importen und einem Strukturwandel führen, der regionale Arbeitsplätze gefährdet und längere Transportwege sowie niedrigere Sozialstandards mit sich bringt. Beide Experten fordern daher entschiedenes Handeln seitens der Politik.
