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Wanderschäfer in Deutschland: Nur noch 900 Menschen üben diesen uralten Beruf aus

Sie laufen bis zu 20 Kilometer am Tag, schlafen im Wohnwagen und sind monatelang von ihrer Familie getrennt. Wanderschäfer gehören zu den seltensten Berufsgruppen Deutschlands – und ihre Arbeit ist wichtiger denn je.

Josef Uhlen steht um fünf Uhr auf, jeden Tag seit über 40 Jahren. Der 69-Jährige führt seine 600 Schafe durch das Nemdener Bruch in Niedersachsen. Urlaub? „Das letzte Mal vor 20 Jahren“, sagt er. Uhlen gehört zu den letzten seiner Art: Nur noch rund 900 hauptberufliche Schäfer gibt es in Deutschland. Vor dreißig Jahren waren es mehr als dreimal so viele.

Drei Generationen, ein Kampf

Die Wanderschäferei stirbt aus – und doch gibt es Menschen, die sich diesem Beruf verschreiben. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein.

Josef Uhlen, 69, Niedersachsen: Der erfahrene Schäfer sucht seit Jahren einen Nachfolger. Vergeblich. Jeden Abend sichert er seine Herde mit mobilen Zäunen, jeden Morgen zieht er weiter. Ein Leben im Rhythmus der Tiere, ohne Wochenende, ohne Pause. Ob jemand nach ihm kommt, weiß er nicht.

Sven de Vries, Quereinsteiger: Er arbeitete als IT-Programmierer, bevor er alles hinwarf. Neun Jahre suchte er nach dem richtigen Weg, dann landete er bei den Schafen. Heute verdient er 1.800 Euro brutto – für sieben Tage Arbeit pro Woche. Bereut hat er den Wechsel nie. Über seinen Alltag berichtet er auf Twitter und in seinem Podcast, macht den Beruf sichtbar für eine Generation, die kaum noch weiß, dass es Wanderschäfer gibt.

Marthe Lohse, 24, Mecklenburg-Vorpommern: Sie ist die jüngste Wanderschäferin Deutschlands. Mit rund 1.000 Tieren zieht die Schwerinerin täglich bis zu 20 Kilometer. Sie wuchtet Wassertröge, zieht kilometerlange Zäune und will nebenbei noch ihren Meister machen. In einer Branche, deren Durchschnittsalter bei knapp 60 Jahren liegt, ist sie eine Ausnahme. „Ich bin schon immer ganz froh, wenn ich weit weg von der Stadt mit den Tieren alleine sein kann“, sagt sie.

Ein Beruf zwischen Romantik und harter Realität

Das Bild vom Schäfer mit Hirtenstab und treuem Hund wirkt idyllisch. Die Wahrheit sieht anders aus. Wanderschäfer arbeiten 365 Tage im Jahr. Urlaub gibt es praktisch nicht. Wer krank wird, muss trotzdem raus – die Tiere brauchen Futter und Bewegung.

Die Bezahlung ist mager. Nach Angaben des Schafsreports Baden-Württemberg lag der Durchschnittslohn bei 6,15 Euro pro Stunde. Ohne Agrarsubventionen und Landschaftspflegeprämien könnte kaum ein Betrieb überleben. Ein Kilogramm Lebendgewicht bringt bei Lämmern etwa 2,10 Euro – das deckt oft nicht einmal die Kosten. Die Wolle? Deckt häufig nicht einmal die Scherkosten.

Warum der Beruf trotzdem unverzichtbar ist

Wanderschäfer leisten einen Dienst, den keine Maschine ersetzen kann. Ihre Herden pflegen Naturschutzflächen, Deiche und Magerrasen. Die Schafe fressen gezielt, treten den Boden fest und verbreiten Samen über weite Strecken. Biologen nennen das „Biotopverbund auf vier Beinen“.

Christof Bokelmann, 57, führt seine 500 Schwarzkopfschafe in dritter Generation über die Naturerbefläche Herzogsberge bei Braunschweig. Die Wiesen dort zählen zu den artenreichsten Biotopen Deutschlands – aber nur, weil die Schafe sie vor Verbuschung bewahren. „Zum Schäfer haben mich meine Gene gemacht“, sagt Bokelmann. Ohne die Beweidung würden seltene Pflanzen wie Wiesen-Schafgarbe und Wiesenmargerite verschwinden, Feldlerchen ihre Brutplätze verlieren.

Besonders an Deichen sind Schafe Gold wert. Ihre Hufe verdichten den Boden und machen ihn widerstandsfähiger gegen Hochwasser. Mähmaschinen können das nicht. Niedersachsen setzt deshalb bewusst auf Schäfer für den Küstenschutz. Auf Sylt ist Uta Wree, 50, die einzige Wanderschäferin. Die gelernte Tierärztin zieht mit 530 Schafen über die Insel – doch alle drei Jahre wird ihr Job neu ausgeschrieben. Sie kämpft mit Bürokratie, Dumpinganbietern und permanenter Ungewissheit.

Der Wolf verändert alles

Seit der Wolf zurück ist, hat sich die Arbeit grundlegend gewandelt. Wanderschäfer müssen jetzt mobile Elektrozäune aufstellen – jeden Tag aufs Neue. Das kostet Zeit, Kraft und Nerven. Manche Schäfer berichten von dutzenden gerissenen Tieren in einer einzigen Nacht.

Allein in Niedersachsen sind mittlerweile 44 Wolfsrudel ansässig. Wendelin Schmücker vom Förderverein der Deutschen Schafhaltung beschreibt die Lage drastisch: „Für uns Schäfer bricht gerade unsere Welt zusammen.“ Die Entschädigungen reichen oft nicht. Bezahlt wird nur der Marktwert des toten Tieres. Der Stress der Herde, verworfene Lämmer und der psychische Druck auf den Schäfer tauchen in keiner Rechnung auf.

Nachwuchs? Fehlanzeige

Die Ausbildung zum Tierwirt mit Fachrichtung Schäferei dauert drei Jahre. Doch kaum jemand will sie machen. In den vergangenen 20 Jahren haben geschätzt rund 70 Prozent der Wanderschäfer aufgegeben.

Die Gründe liegen auf der Hand: wenig Geld, kein geregelter Feierabend, kaum Privatleben. Wer als Wanderschäfer arbeitet, ist sechs bis acht Monate im Jahr unterwegs. Beziehungen zerbrechen daran. Viele Schäferinnen und Schäfer bleiben allein.

Marthe Lohse will trotzdem weitermachen. Sie träumt von einem eigenen Betrieb. In einer Branche, die vom Aussterben bedroht ist, verkörpert sie so etwas wie Hoffnung.

Was sich ändern müsste

Verbände fordern seit Jahren bessere Rahmenbedingungen. Höhere Prämien für Landschaftspflege, unbürokratischere Hilfen bei Wolfsrissen und eine gesellschaftliche Anerkennung, die über Folklore hinausgeht. Seit 2020 ist die süddeutsche Wander- und Hüteschäferei immerhin Teil des UNESCO-Verzeichnisses für immaterielles Kulturerbe – ein symbolischer Erfolg, der an der wirtschaftlichen Realität wenig ändert.

Denn eines ist klar: Wenn die letzten Wanderschäfer aufhören, verschwindet nicht nur ein Beruf. Es verschwinden auch die Flächen, die nur durch ihre Arbeit erhalten bleiben. Die Wacholderheide, der Magerrasen, die artenreichen Wiesen – sie alle brauchen die Schafe.

Josef Uhlen wird weitermachen, solange er kann. Seine Hunde kennen jeden Handgriff, seine Schafe folgen ihm blind. Dann pfeift er, und die Herde setzt sich in Bewegung. Wie lange noch, weiß niemand.


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