Der jahrelange Rechtskonflikt um Glyphosat in den USA erreicht eine neue Phase. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten will sich mit der Frage befassen, ob der Agrarchemiekonzern Bayer bei seinem Herbizid vor möglichen Krebsrisiken hätte warnen müssen. Für den Konzern ist die Annahme des Falls ein zentraler Schritt auf dem Weg zu mehr rechtlicher Klarheit – mit möglichen Folgen für tausende laufende Verfahren.
Höchstrichter befassen sich mit Grundsatzfrage
Der Supreme Court of the United States hat angekündigt, einen Berufungsantrag Bayers zu prüfen. Damit rückt eine höchstrichterliche Entscheidung näher, die voraussichtlich im Juni fallen soll. Im Kern geht es um die Zuständigkeit: Müssen sich Unternehmen an einzelstaatliche Warnvorschriften halten, wenn sie die bundesweiten Vorgaben einhalten?
Bundesrecht gegen Landesrecht
Ausgangspunkt der Auseinandersetzung ist die Bewertung von Glyphosat durch die US-Umweltbehörde Environmental Protection Agency. Diese stuft den Wirkstoff weiterhin als sicher ein und verlangt keine Krebswarnhinweise. Kläger hingegen berufen sich auf strengere Regeln einzelner Bundesstaaten. Bayer setzt darauf, dass der Supreme Court die Einschätzung der Bundesbehörde als verbindlich erklärt.
Zehntausende Klagen belasten den Konzern
Die rechtliche Unsicherheit hat seit Jahren eine massive Klagewelle ausgelöst. Mehr als 180.000 Ansprüche wurden in den USA angemeldet, vor allem von privaten Anwendern. In einzelnen Fällen verurteilten Geschworenengerichte Bayer zu hohen Schadensersatzsummen. Die Wurzel des Problems liegt in der Übernahme von Monsanto im Jahr 2018, für die Bayer rund 63 Milliarden Dollar zahlte. Seitdem flossen etwa zehn Milliarden Dollar in Vergleiche; für offene Verfahren bestehen milliardenschwere Rückstellungen.
Wissenschaftliche Bewertungen bleiben umstritten
Bayer weist die Vorwürfe weiterhin zurück und verweist auf zahlreiche Studien sowie regulatorische Prüfungen. Dem steht die Einschätzung der International Agency for Research on Cancer gegenüber, die Glyphosat 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ einordnete. Diese gegensätzlichen Bewertungen bilden den Hintergrund vieler Gerichtsverfahren.
Ein ausgewählter Musterfall
Konkret geht es vor dem Supreme Court um die Klage des US-Bürgers John Durnell. Eine Jury in St. Louis sprach ihm 2023 eine Entschädigung von 1,25 Millionen Dollar zu, weil Bayer aus ihrer Sicht vor Krebsrisiken hätte warnen müssen. Der Konzern wählte diesen Fall gezielt aus, um eine Grundsatzentscheidung zu erzwingen.
Unterstützung aus Washington
Rückenwind erhält Bayer vom Generalanwalt der US-Regierung. Er empfahl den Richtern, den Fall anzunehmen, um widersprüchliche Urteile zu beenden. Auch die Bundesregierung teilt offenbar die Auffassung, dass bundesrechtliche Zulassungen nicht durch einzelstaatliche Klagen ausgehebelt werden sollten. Unter dem früheren Präsidenten Joe Biden war diese Unterstützung allerdings weniger ausgeprägt.
Landwirtschaft und Rohstoffversorgung im Blick
Parallel zur juristischen Strategie arbeitet Bayer politisch an einer dauerhaften Lösung. Der Konzern warnt, dass ein anhaltender Rechtsdruck die Glyphosat-Produktion in den USA gefährden könnte. Für die Landwirtschaft hätte das spürbare Folgen, da das Mittel eine zentrale Rolle im Ackerbau spielt. Zudem ist Bayer ein bedeutender Phosphatförderer in den USA – ein Rohstoff, den die Regierung inzwischen als strategisch wichtig für Wirtschaft und nationale Sicherheit einstuft.
Die Entscheidung des Supreme Court könnte den Glyphosat-Streit grundlegend verändern. Fällt das Urteil zugunsten Bayers aus, stünde nicht nur die Klagepraxis vieler Bundesstaaten zur Disposition. Auch für Landwirte und den Pflanzenschutzmarkt in den USA wäre dies ein Signal für mehr Planungssicherheit.
Quellen: Unternehmensangaben, öffentliche Gerichtsunterlagen
