Der anhaltende russische Angriffskrieg stellt die ukrainische Landwirtschaft weiterhin vor massive strukturelle Herausforderungen. Neben zerstörter Infrastruktur wirken sich vor allem Energieengpässe, unterbrochene Lieferketten und ein akuter Arbeitskräftemangel auf die Produktionsbedingungen aus. Darauf wies der stellvertretende Minister für Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft, Taras Wyssozkyj, in einem aktuellen Statement hin.
Die Rahmenbedingungen für Betriebe bleiben damit auch im dritten Kriegsjahr angespannt – trotz bemerkenswerter Anpassungsleistungen vieler Unternehmen.
Logistikprobleme treiben Kosten in die Höhe
Ein zentrales Problem bleibt die Logistik. Durch wiederholte Angriffe auf Hafenanlagen und Transportwege verteuern sich Export und Warenbewegung deutlich. Die eingeschränkte Nutzung wichtiger Schwarzmeerhäfen sowie alternative Transportrouten über Straße und Schiene führen zu höheren Frachtkosten und längeren Lieferzeiten.
Für exportorientierte Sparten wie Getreide, Ölsaaten oder Sonnenblumenöl bedeutet das einen spürbaren Wettbewerbsnachteil. Steigende Logistikkosten schlagen unmittelbar auf die Kalkulation durch und mindern die Margen landwirtschaftlicher Betriebe.
Energiekrise verschärft Produktionsbedingungen
Zusätzlich belastet die Energiekrise die Betriebe. Wiederkehrende Stromabschaltungen treffen auch landwirtschaftliche Unternehmen – insbesondere in Zeiten extremer Kälte. Unterbrechungen der Stromversorgung erschweren Stallklimatisierung, Melktechnik, Kühlung sowie Bewässerungssysteme.
Viele Höfe greifen daher verstärkt auf Notstromaggregate zurück. Doch die Stromerzeugung über Generatoren ist erheblich teurer als regulärer Netzstrom. Diese Mehrkosten erhöhen die Produktionskosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette und wirken sich letztlich auf die Preise der Agrarprodukte aus.
Gerade in der Tierhaltung sind stabile Energiequellen essenziell. Bei niedrigen Temperaturen steigen die Anforderungen an Heizung und Belüftung. Auch im Pflanzenbau – etwa bei Lagerung oder Trocknung – sind verlässliche Stromkapazitäten entscheidend.
Fachkräftemangel als strukturelles Risiko
Neben Energie und Logistik bleibt der Personalmangel ein kritischer Faktor. Ein erheblicher Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung ist im Militärdienst oder hat das Land verlassen. Besonders gefragt sind qualifizierte Fachkräfte mit technischem Know-how – etwa für moderne Landtechnik, Präzisionslandwirtschaft oder Betriebsmanagement.
Der Arbeitskräftemangel bremst nicht nur die Produktivität, sondern erschwert auch Investitionen in Innovation und Digitalisierung. Ohne ausreichend geschultes Personal können moderne Technologien ihr Potenzial nicht vollständig entfalten.
Anpassung gelungen – aber keine Entwarnung
Kurzfristig hat sich die ukrainische Landwirtschaft an viele der widrigen Umstände angepasst. Betriebe haben alternative Lieferketten aufgebaut, Generatoren installiert und Arbeitsabläufe flexibilisiert. Diese Resilienz ist bemerkenswert.
Langfristig jedoch bleiben strukturelle Risiken bestehen. Hohe Produktionskosten, unsichere Exportwege und der Fachkräftemangel könnten die Wettbewerbsfähigkeit des Agrarsektors schwächen. Entscheidend wird sein, wie gezielt staatliche Unterstützung, internationale Kooperationen und Investitionen in Infrastruktur sowie Energieversorgung greifen.
Die ukrainische Landwirtschaft bleibt damit funktionsfähig, operiert jedoch unter deutlich erschwerten Bedingungen – mit unmittelbaren Folgen für Kostenstruktur, Marktchancen und betriebliche Planungssicherheit.
