Die deutsche Landwirtschaft steht vor bedeutenden Herausforderungen, insbesondere in der Milchviehhaltung. Während die nationale Autoindustrie bereits im internationalen Wettbewerb zurückgefallen ist, zeigen sich ähnliche Tendenzen auch in der Kälberaufzucht und Milchproduktion. Eine Studie von 2020, bekannt als PraeRi-Studie, gibt Aufschluss über die alarmierenden Gesundheitsprobleme in deutschen Ställen.
Gesundheitsprobleme bei Kälbern
Laut der Studie benötigen 27 Prozent der Kälber in Deutschland Antibiotika bis zum Absetzen. Chronische Lungenschäden betreffen fast ein Viertel der Jungtiere, während knapp 34,5 Prozent in den ersten Lebenswochen an schmerzhaften Nabelentzündungen leiden. Diese gesundheitlichen Probleme sind eng mit der unzureichenden Versorgung mit Kolostrum verbunden, der ersten Milch nach der Geburt.
Unzureichende Kolostrumversorgung
Derzeit erhalten neugeborene Kälber durchschnittlich nur etwas mehr als drei Liter Kolostrum. Dies reicht nicht aus, um eine ausreichende Immunität zu gewährleisten. Nur die Hälfte der Kälber erreicht den notwendigen Grenzwert von mehr als 55 g Totalprotein je Liter im Blutserum. Damit korreliert auch der hohe Antibiotikabedarf. Die wirtschaftlichen Folgen dieses Mangels sind beträchtlich.
Ökonomische Auswirkungen
Kälber, die unzureichend mit Kolostrum versorgt werden, verlieren in den ersten drei Laktationen bis zu 2.300 kg Milch. Dieser Verlust betrifft ein Drittel der weiblichen Nachzucht. Eine kanadische Studie untermauert diese Ergebnisse: Kälber, die bereits kurz nach der Geburt zwischen einem und vier Litern mehr Kolostrum erhielten, produzierten rund 1.000 kg mehr Milch in ihrer ersten Laktation.
Effizientere Aufzucht durch bessere Kolostrumversorgung
Internationale Erkenntnisse legen nahe, dass eine verbesserte Kolostrumvergabe zahlreiche Vorteile bietet. So zeigt eine Untersuchung aus Illinois, dass fünf Liter Kolostrum im Vergleich zu drei Litern Durchfälle um 66 Prozent und Lungenentzündungen um 40 Prozent senken können. Zudem steigert sich das tägliche Wachstum um 130 Gramm, und die Tiere erreichen früher ihre Trächtigkeit.
Zukunftspotenzial durch optimierte Praktiken
In China erhalten Kälber innerhalb der ersten acht Stunden sechs Liter Kolostrum und erreichen so bei 96 Prozent einen optimalen Blutserumwert von mindestens 55 g/l Totalprotein. Deutschland hingegen verharrt bei traditionellen Methoden und bleibt damit hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Kolostrum als Schlüssel zur Hochleistung
Anstatt lediglich die immunstärkende Funktion des Kolostrums zu betonen, sollten seine weiteren positiven Effekte auf die metabolische Programmierung stärker berücksichtigt werden. Die intensive Tränke hat das Potenzial, den Milchoutput pro Gramm höherer Tageszunahme um zwei Liter zu steigern.
Kurz gesagt: Das volle Potenzial des Kolostrums auszuschöpfen könnte nicht nur die Gesundheit und Leistung unserer Milchkühe verbessern, sondern auch das wirtschaftliche Ergebnis für Landwirte erheblich steigern. Die dringliche Frage bleibt: Wann werden diese Erkenntnisse endlich systematisch umgesetzt?
