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Wie Roboter die Ernte revolutionieren

Arbeitskräftemangel, steigende Lohnkosten und der Druck, weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen: Die Landwirtschaft steht vor gewaltigen Herausforderungen. Immer mehr Betriebe setzen deshalb auf Roboter, die säen, hacken und ernten – oft rund um die Uhr und ohne Fahrer. Was nach Zukunftsmusik klingt, ist auf einigen deutschen Höfen längst Alltag.

Eberhard Weißkopf aus Sachsen-Anhalt erinnert sich noch genau an den Frühjahr 2020. Die Corona-Pandemie hatte gerade begonnen, Grenzschließungen machten es unmöglich, die vierzig Saisonarbeiter einzustellen, die normalerweise seine sechzig Hektar Zuckerrüben hackten. Ohne diese Arbeitskräfte drohte dem Bio-Landwirt aus Altenweddingen bei Magdeburg der Verlust einer kompletten Ernte. Doch Weißkopf fand eine Lösung, die sein Betrieb bis heute prägt: zwei solarbetriebene Feldroboter vom dänischen Hersteller FarmDroid.

Die unscheinbaren Maschinen, die seitdem leise über seine Felder ziehen, haben nicht nur die Rüben gerettet. Sie haben Weißkopfs Blick auf die Zukunft der Landwirtschaft grundlegend verändert. Passanten bleiben oft verwirrt stehen, wenn sie die unbemannt fahrenden Geräte sehen. Der Landwirt nimmt es mit Humor und erklärt geduldig, was da auf seinen Äckern passiert.

Der stille Wandel auf deutschen Feldern

Die Robotisierung der Landwirtschaft vollzieht sich weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit. Während autonome Autos noch Schlagzeilen machen, arbeiten auf deutschen Äckern bereits hunderte Feldroboter. Sie säen Zuckerrüben, hacken Unkraut in Gemüsekulturen oder ernten Spargel. In keiner anderen Branche gibt es laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft einen vergleichbar intensiven Einsatz von Drohnen und Robotern wie in der Landwirtschaft.

Die Treiber dieser Entwicklung sind vielfältig. Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa werden knapper und teurer. Der Mindestlohn steigt kontinuierlich. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Druck, den Einsatz von Herbiziden zu reduzieren. Mechanische Unkrautbekämpfung ist die Alternative – aber sie ist arbeitsintensiv und teuer, wenn Menschen sie erledigen müssen. Genau hier setzen die Roboter an.

FarmDroid: Der Solarpionier aus Dänemark

Der FarmDroid FD20 gehört zu den erfolgreichsten Feldrobotern auf dem deutschen Markt. Das dänische Unternehmen hat ein bestechend einfaches Konzept entwickelt: Der Roboter sät die Kulturpflanzen selbst und merkt sich per GPS die exakte Position jedes einzelnen Samens. Mit dieser Information kann er später zentimetergenau zwischen den Pflanzen hacken – ganz ohne Kamerasysteme oder komplizierte Bilderkennung.

Vier Solarmodule auf dem Dach versorgen den Roboter mit Energie. Er arbeitet bis zu 24 Stunden am Tag, vollkommen CO2-neutral, ohne dass jemand Akkus aufladen müsste. Bei einer Geschwindigkeit von weniger als einem Kilometer pro Stunde schafft er etwa 6,5 Hektar täglich – langsam, aber stetig und ohne Pause.

Matthias Saudhof aus Könnern in Sachsen-Anhalt bewirtschaftet seinen Betrieb nach Naturland-Richtlinien. Für seine 60 Hektar Bio-Zuckerrüben musste er früher mit über hundert Arbeitskraftstunden pro Hektar für die Handhacke kalkulieren. Der FarmDroid hat diese Rechnung grundlegend verändert. Auf seinem Betrieb hat der Roboter die Rübenflächen zweimal gehackt und dabei fast alle Unkräuter zwischen den Reihen sowie etwa 75 Prozent der Unkräuter in den Reihen erwischt.

Die Wirtschaftlichkeit überzeugt viele Praktiker: FarmDroid gibt an, dass sich die Investition aufgrund geringerer Unkrautbekämpfungskosten und höherer Erträge oft schon nach ein bis zwei Jahren amortisiert. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft erprobt den Roboter seit Jahren und bestätigt das Potenzial für eine nachhaltigere, gesellschaftlich akzeptierte Landwirtschaft.

Nicht nur für Bio-Betriebe interessant

Obwohl der FarmDroid ursprünglich für den ökologischen Landbau entwickelt wurde, entdecken zunehmend auch konventionelle Betriebe die Vorteile. Denn der Roboter kann mit seiner Spot-Spraying-Funktion Pflanzenschutzmittel gezielt nur auf die Kulturpflanze ausbringen – eine Reduktion des Chemikalieneinsatzes um bis zu 94 Prozent ist laut Hersteller möglich. Das hilft auch konventionellen Landwirten, resistente Unkräuter zu bekämpfen und Kosten zu sparen.

Bio-Landwirt Ditmar Kranz testet den FarmDroid auf seinem Hof in Wiesbaden-Nordenstadt. Auch die BioBördeland GmbH am Nordrand der Hildesheimer Börde führt gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer Niedersachsen Vergleichsversuche durch. Die Ergebnisse zeigen: Der Roboter kann den arbeitsintensiven Einsatz von Hand- und Maschinenhacke deutlich reduzieren.

Spargel: Die Königsdisziplin der Ernteroboter

Wenn es um Roboter in der Landwirtschaft geht, gilt die Spargelernte als besonders anspruchsvoll. Die weißen Stangen wachsen unter der Erde, müssen einzeln erkannt und präzise gestochen werden – eine Aufgabe, die jahrzehntelang ausschließlich erfahrenen Erntehelfern vorbehalten war. Doch auch hier drängen nun Roboter in die Praxis.

Bernhard Böckenhoff betreibt einen Spargelhof in Raesfeld im Münsterland. In der Saison 2024 setzte er einen Ernteroboter des niederländischen Entwicklers Arno van Lankveld auf einer sechs Hektar großen Fläche ein. Die Maschine erntete im Einschichtbetrieb täglich und erreichte Spitzenleistungen von bis zu 200 Kilogramm pro Stunde. Zur Bedienung reichte eine Person.

Böckenhoff war mit dem Einsatz zufrieden und bestätigt deutliche Verbesserungen in Leistung und Zuverlässigkeit gegenüber früheren Tests. Der erfahrene Spargelbauer, der schon an der Entwicklung der Erntehilfe „Molly“ beteiligt war, ist überzeugt: Die bisherigen Ernteverfahren in Deutschland müssen auf lange Sicht weiterentwickelt werden. Der Arbeitskräftemangel lässt keine andere Wahl.

Auch die Saison 2024 brachte Herausforderungen: extreme Niederschläge, Wasser auf den Feldern, schwierige Bedingungen. Das Raupenfahrwerk des Roboters lief teilweise komplett im Wasser. Trotzdem war die Maschine an allen Testtagen im Einsatz – ein Beweis für die wachsende Robustheit der Technik.

Hohe Investitionen, aber sinkende Kosten für Arbeitskräfte

Die Preise für Spargelernteroboter sind noch beträchtlich. Der niederländische Hersteller Cerescon bietet seine „Sparter“-Maschine in verschiedenen Ausführungen an: einreihig für etwa 350.000 Euro, zweireihig für 525.000 Euro, dreireihig für 700.000 Euro. Die Investition muss sich über viele Jahre rechnen.

Doch die Gegenrechnung zeigt das Potenzial: Will Teeuwen vom niederländischen Spargelbetrieb Teboza erklärt, warum er gekauft hat. Mit dem Roboter könne er in eineinhalb bis zwei Tagen etwa zehn bis fünfzehn Hektar ernten – mit nur zwei Personen statt der bisher nötigen fünfzehn bis zwanzig Saisonkräfte. Die Betriebssicherheit, nicht mehr jedes Jahr um Arbeitskräfte bangen zu müssen, war für ihn der Hauptgrund.

Arno van Lankveld, selbst Sohn eines Spargelbauers, kennt das Problem aus eigener Erfahrung. Die jährliche Suche nach Erntehelfern, die Unterbringung, die Organisation – all das habe ihn davon abgehalten, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Stattdessen entwickelte er den Ernteroboter, der nun anderen Landwirten diese Last abnehmen soll.

Schwarmtechnologie: Die Zukunft der Aussaat

Während einzelne Roboter bereits im Praxiseinsatz sind, arbeiten große Landtechnikhersteller an noch ambitionierteren Konzepten. Fendt hat mit dem Projekt „Xaver“ kleine Roboter entwickelt, die im Schwarm arbeiten sollen. Sechs bis zwölf Einheiten könnten gemeinsam ein Feld besäen, sich gegenseitig vertreten und rund um die Uhr arbeiten.

Das Konzept besticht durch seine Einfachheit: Jeder einzelne Xaver-Roboter ist relativ simpel aufgebaut, mit wenigen Sensoren und robusten Steuerungen. Fällt eine Einheit aus, arbeiten die anderen weiter. Das geringe Gewicht – unter 150 Kilogramm leer – vermeidet Bodenverdichtung und erweitert die nutzbaren Zeitfenster für den Feldeinsatz.

Auf der Agritechnica 2025 präsentierte Fendt die neueste Evolutionsstufe: den Xaver GT, ein autonomes Systemträgerfahrzeug mit drei Tonnen Gewicht, das verschiedene Anbaugeräte für mechanische Unkrautbekämpfung aufnehmen kann. Der Name ist eine Hommage an den historischen Fendt Geräteträger – aus dem „Einmannsystem“ wird das „Keinmannsystem“.

Die KI-gestützte Pflanzenreihenerkennung des „RowPilot“ soll zwischen Kulturpflanzen und Unkräutern unterscheiden und die Hackgeräte entsprechend steuern. Besonders für ökologisch wirtschaftende Betriebe und Gemüsebauern, die viele Pflegearbeiten durchführen müssen, könnte das interessant werden.

Erdbeeren, Gurken, Äpfel: Roboter für jede Kultur

Die Entwicklung bleibt nicht bei Spargel und Zuckerrüben stehen. Das Konstanzer Start-up Organifarms hat mit „Berry“ einen Ernteroboter für Erdbeeren entwickelt. Das Entwicklerteam um Hannah Brown, Dominik Feiden und Marian Bolz stellte dabei fest, wie komplex das scheinbar simple Pflücken einer Erdbeere ist.

Der Roboter bewegt sich auf Rohrschienen durch Gewächshäuser oder Vertical-Farming-Anlagen. Kameras erkennen reife Früchte, ein Greifarm mit sieben Gelenken kann die Erdbeeren aus verschiedenen Winkeln greifen, am Stiel einklemmen, abschneiden und in Schalen ablegen. Qualitätskriterien wie Farbe, Größe und Schäden lassen sich individuell einstellen.

Organifarms sieht das größte Potenzial zunächst in modernen Gewächshäusern und im Vertical Farming. Gerade in den Niederlanden, wo die Nachfrage wegen des hohen Personalmangels groß sei, erwartet das Unternehmen starkes Interesse. Die Automatisierung könnte helfen, das wirtschaftliche Risiko solcher Anlagen zu senken.

Auch für den Apfelanbau gibt es Fortschritte. KUKA und die digital workbench GmbH haben auf der Agritechnica einen mobilen Ernteroboter vorgestellt. Auf einer Multiträgerplattform sind zwei Kleinroboter montiert, die sich autonom durch Obstplantagen bewegen sollen. Die Entwicklung eines automatischen Apfelernte-Systems, das die Früchte nicht beschädigt, gilt als wichtiger Schritt für eine Branche, die stark von saisonalen Arbeitskräften abhängt.

Was die Technik noch nicht kann

Bei aller Begeisterung für die neuen Möglichkeiten bleiben Grenzen. Ernteroboter übersehen noch viele Früchte, menschliche Arbeitskräfte werden fürs Nachpflücken weiterhin gebraucht. Die KI kann menschliche Erfahrung und Intuition nicht ersetzen – noch nicht jedenfalls.

Die Anschaffungskosten stellen für viele Betriebe eine Hürde dar. Eine professionelle Agrardrohne mit Multispektralkamera kostet zwischen 5.000 und 20.000 Euro, ein Spargelernteroboter mehrere hunderttausend Euro. Nicht jeder Hof kann oder will diese Summen investieren, besonders wenn unklar ist, wie schnell sie sich amortisieren.

Hinzu kommen Anforderungen an die Infrastruktur. Der Fendt Xaver etwa setzt eine zuverlässige Netzabdeckung voraus, um mit der Cloud zu kommunizieren. In vielen ländlichen Regionen ist das noch nicht gegeben. Auch das Fachwissen für Bedienung und Wartung muss erst aufgebaut werden.

Und schließlich müssen auch die Anbausysteme angepasst werden. Beim Spargel etwa funktioniert der Roboter am besten bei Reihenlängen von mindestens 300 Metern – kürzere Reihen bedeuten zu viel Zeitverlust durch Wendemanöver. Nicht jeder Betrieb kann seine Flächen entsprechend umstrukturieren.

Ausblick: Die Landwirtschaft der Zukunft

Experten gehen davon aus, dass Roboter bis 2030 so selbstverständlich zum Farmmanagement gehören könnten wie heute der Wetterbericht. Die Technik entwickelt sich rasant: größere Akkukapazitäten, bessere Sensorik, intelligentere Software. Die Kombination mit Satellitendaten und Künstlicher Intelligenz eröffnet weitere Möglichkeiten.

Digitale Zwillinge des Ackers, die per Sensoren ständig mit neuen Daten gefüttert werden, könnten automatisch erkennen, wann und wo welche Maßnahmen nötig sind. Der Roboter würde dann autonom starten und die Arbeit erledigen, während der Landwirt sich anderen Aufgaben widmet.

Für Landwirte wie Eberhard Weißkopf, Matthias Saudhof oder Bernhard Böckenhoff ist das keine ferne Zukunftsvision mehr. Sie erleben bereits heute, wie Roboter ihren Arbeitsalltag verändern. Die Maschinen nehmen ihnen keine Verantwortung ab – aber sie geben ihnen neue Werkzeuge an die Hand, um mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen.

Fazit: Evolution statt Revolution

Die Roboter werden den Traktor nicht ersetzen und den Landwirt schon gar nicht. Sie sind Ergänzungen für bestimmte Aufgaben: repetitive Arbeiten wie Hacken und Jäten, anspruchsvolle Erntearbeiten, bei denen Arbeitskräfte fehlen, oder Einsätze unter schwierigen Bedingungen. Wer regelmäßig vor solchen Herausforderungen steht, sollte die Technik ernsthaft prüfen.

Für kleinere Betriebe kann die Zusammenarbeit mit Lohnunternehmern sinnvoll sein, die bereits über Robotertechnik verfügen. Größere Betriebe mit regelmäßigem Bedarf rechnen dagegen oft die Anschaffung durch – besonders wenn sie die Maschine für mehrere Kulturen oder Anwendungen nutzen können.

Am Ende bleibt die wichtigste Erkenntnis: Die Roboter sind da, sie funktionieren, und sie werden besser. Landwirte, die sich heute mit der Technologie beschäftigen, werden morgen im Vorteil sein. Denn eines ist sicher – der Wandel hat längst begonnen.


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