Die Europäische Union steht möglicherweise kurz vor dem Abschluss eines neuen Handelsabkommens mit Indien, doch die Landwirtschaft bleibt vorerst außen vor. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen plant, in der kommenden Woche nach Neu-Delhi zu reisen, um die Verhandlungen voranzutreiben. Der geplante Freihandelsraum könnte fast 2 Milliarden Menschen umfassen und bietet somit großes Potenzial für beide Seiten.
Herausforderungen im Agrarsektor
Der Agrarsektor erweist sich als besonders schwierig in den Verhandlungen mit Indien. Um einen schnellen Vertragsschluss zu ermöglichen, erwägt die EU-Kommission, diesen Bereich zunächst aus dem Abkommen herauszulassen. Laut Dr. Bettina Rudloff von der Stiftung Wissenschaft und Politik ist die Ernährungssicherheit in Indien ein zentrales politisches Ziel, das durch umfangreiche Subventionen gestützt wird. Sie sieht in der temporären Ausklammerung des Agrarsektors eine Möglichkeit, den Abschluss zu erleichtern.
Der Verband Der Agrarhandel (DAH) bewertet diesen Schritt als strategisch klug. Ein umfassend liberalisierter Handel im Agrarbereich könnte aufgrund erheblicher Preis- und Standardunterschiede sowie unterschiedlicher Förderstrukturen auf beiden Seiten zu großen Konflikten führen.
Indien als Wachstumsmarkt
Trotz des Ausschlusses der Landwirtschaft sieht der DAH dennoch Vorteile für den EU-Agrarsektor in einem möglichen Abkommen mit Indien. Verbesserungen könnten sich unter anderem bei Logistik, Dienstleistungen und Zertifizierungen ergeben. Auch Zoll- und Ursprungsregeln könnten vereinfacht werden.
Indien bietet mit seiner wachsenden Bevölkerung und einer expandierenden Mittelschicht einen bedeutenden Wachstumsmarkt. Exportchancen bestehen insbesondere für hochwertige Verarbeitungsprodukte und Spezialfutter.
Zukünftige Verhandlungen über Reis
Dr. Rudloff weist darauf hin, dass das Handelsvolumen zwischen der EU und Indien im Bereich Landwirtschaft derzeit noch niedrig ist. Im Jahr 2023 machten Exporte lediglich 0,6% des gesamten EU-Außenhandels aus, Importe lagen bei 2,3%. Eine signifikante Steigerung des Handelsvolumens sei jedoch möglich.
Besonders attraktiv könnte Indien für europäische Anbieter von Qualitätsprodukten wie Wein oder Käse sein. Ein Abbau von Importbeschränkungen wäre aus indischer Sicht tragbar, da diese Produkte die Ernährungssicherheit weniger gefährden.
Ein weiterer Punkt in den Verhandlungen könnte die Frage nach Reiszöllen sein. Die EU hat kürzlich Zölle zum Schutz ihrer eigenen Produktion angehoben, was Verhandlungsmasse für künftige Gespräche darstellen könnte.
