Die Europäische Union steht vor einer erheblichen Herausforderung im Bereich des Pflanzenschutzes. Die Zahl der verfügbaren chemisch-synthetischen Wirkstoffe hat sich seit 2019 drastisch reduziert, ohne dass neue Stoffe zugelassen wurden. Diese Entwicklung könnte ernsthafte Auswirkungen auf die Ernteerträge haben, da wichtige Wirkstoffe wie Flufenacet bald nicht mehr verfügbar sein werden.
Herausforderungen im Zulassungsverfahren
Der Verlust von über 80 chemisch-synthetischen Wirkstoffen seit 2019 lässt sich auf verschärfte Anforderungen im Zulassungsverfahren zurückführen. Laut Industrieverband Agrar (IVA) gibt es keine neuen Stoffe, die diese Lücke füllen könnten. Besonders problematisch erweist sich das zweistufige Zulassungsverfahren in der EU, das durch die Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 geregelt ist und strenge Kriterien zur Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit festlegt.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bewertet Wirkstoffe nach dem Vorsorgeprinzip, was bedeutet, dass ein potenzielles Gefahrenpotenzial bereits ausreicht, um eine Genehmigung zu verweigern. Dies hat dazu geführt, dass viele zuvor zugelassene Substanzen den neuen Anforderungen nicht mehr entsprechen.
Probleme auf nationaler Ebene
In Deutschland müssen Pflanzenschutzmittel auch national geprüft werden, was zu weiteren Verzögerungen führt. Vier Behörden sind an diesem Prozess beteiligt, wobei das Umweltbundesamt oft zusätzliche Studien anfordert. Dies führt zu langen Bearbeitungszeiten für Zulassungsanträge, die teilweise mehrere Jahre dauern können.
Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ist gezwungen, immer häufiger Notfallzulassungen zu erteilen, um die Versorgung sicherzustellen. Diese gelten jedoch nur für einen kurzen Zeitraum von 120 Tagen.
Weitreichende Konsequenzen für die Landwirtschaft
Der Verlust wichtiger Pflanzenschutzmittel könnte schwerwiegende Folgen für landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland haben. Ohne reguläre Insektizide müssen Landwirte auf Notfallzulassungen zurückgreifen, was mit hohem bürokratischem Aufwand verbunden ist. Zudem könnte der Wegfall von Herbiziden wie Flufenacet zu einer verstärkten Verungrasung führen und somit die Getreideerträge reduzieren.
Laut einer Studie der HFFA Research GmbH könnten Ausfälle bestimmter Mittel Ertragsverluste von bis zu 20% bei Weizen, Kartoffeln und Zwiebeln verursachen. Dies würde den Selbstversorgungsgrad weiter senken und Deutschland stärker von Importen abhängig machen – mit negativen Folgen für den CO₂-Fußabdruck aufgrund längerer Transportwege.
Zukunftsperspektiven
Ein integrierter Pflanzenschutz (IPS) wird als vielversprechender Ansatz angesehen, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Dieser kombiniert vorbeugende Maßnahmen mit dem gezielten Einsatz chemischer Mittel. Dennoch sind alternative Ansätze wie Biostimulanzien oder neue Züchtungstechnologien allein nicht ausreichend.
Auf politischer Ebene gibt es Bestrebungen zur Reformierung des Zulassungssystems sowohl auf EU- als auch auf nationaler Ebene. Die EU-Kommission plant Vereinfachungen in den Genehmigungsverfahren und will biologische Wirkstoffe priorisieren. Auch Deutschland arbeitet an schnelleren Zulassungsverfahren durch eine neu gegründete Projektgruppe im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMLEH).
Aussicht
Um den Rückgang wichtiger Wirkstoffe aufzuhalten, müssen EU und nationale Regierungen ihre Ankündigungen schnell in konkrete Maßnahmen umsetzen. Ein funktionierendes Zulassungssystem und konsequente Anwendung der IPS-Maßnahmen sind entscheidend, um weiterhin hohe Erträge sicherstellen zu können.
