Die Europäische Union steht kurz vor der Unterzeichnung eines umfassenden Handelsabkommens mit Australien, das erhebliche Auswirkungen auf die Landwirtschaft in beiden Regionen haben könnte. EU-Präsidentin Ursula von der Leyen plant vom 23. bis 25. März einen Besuch in Canberra, um die Vereinbarung offiziell zu besiegeln. Begleitet wird sie voraussichtlich von Handelskommissar Maroš Šefčovič. Ziel ist es, die Beziehungen zu Australien als strategischem Partner im Indopazifikraum zu stärken.
Erweiterte Importmöglichkeiten für Fleisch
Im Zentrum des Abkommens stehen erweiterte Importmöglichkeiten für Rind- und Schaffleisch aus Australien in die EU. Derzeit sind zollfreie Kontingente auf 3.389 Tonnen für Rindfleisch sowie 5.851 Tonnen für Schaf- und Ziegenfleisch begrenzt. Australische Branchenverbände, darunter der Australian Meat Industry Council (AMIC) und Meat and Livestock Australia (MLA), drängen jedoch auf eine erhebliche Erhöhung dieser Kontingente: mindestens 50.000 Tonnen Rindfleisch und 67.000 Tonnen Schaf- und Ziegenfleisch sollen zollfrei eingeführt werden dürfen.
Zusätzlich soll das Abkommen auch zollfreie Importe von Zucker umfassen, während die EU maximal 30.000 Tonnen Rindfleischimporte zulassen möchte – was immer noch eine Steigerung von 885 Prozent bedeuten würde. Diskussionspunkte sind zudem die gegenseitige Anerkennung geografischer Herkunftsangaben.
Kontroverse Exportchancen
Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) sieht trotz der erhöhten Fleischimporte keinen signifikanten Preisdruck auf dem europäischen Markt. Gleichzeitig könnte das Abkommen neue Exportmöglichkeiten für deutsches Getreide und Ölsaaten eröffnen, was den Agrarhandel optimistisch stimmt. Auch in der Milchwirtschaft könnten sich Chancen ergeben, insbesondere für Käse, Milchpulver und Molkenpulver, obwohl Australien bisher kein bedeutender Markt für deutsche Molkereiprodukte war.
Bedenken der Landwirtschaftsverbände
Trotz dieser potenziellen Vorteile äußert der europäische Bauernverband Copa-Cogeca Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen auf die Landwirte. Copa-Präsident Massimiliano Giansanti warnt davor, dass die Landwirtschaft nicht erneut als Verhandlungsmasse dienen dürfe, um Vorteile in anderen Sektoren zu erzielen, besonders angesichts steigender Produktionskosten und unsicherer Einnahmen.
Der Verband fordert strikte Begrenzungen bei Zugeständnissen für sensible Agrarprodukte sowie eine Berücksichtigung der kumulativen Effekte von Handelsabkommen. Diese sollten reziprok sein und mit den Produktionsstandards übereinstimmen.
Rückblick auf frühere Verhandlungen
Bereits im Jahr 2023 waren die Verhandlungen mit Australien gescheitert, da das damalige Angebot an zollfreien Importkontingenten als unzureichend angesehen wurde. Dieses Mal scheint die EU entschlossen, sich durch das Abkommen auch einen besseren Zugang zu essentiellen Rohstoffen wie Lithium und Kobalt zu sichern sowie Sicherheits- und Verteidigungsfragen zu klären.
