Die Süßkartoffel hat sich in den letzten Jahren von einem exotischen Nischenprodukt zu einem festen Bestandteil in vielen deutschen Haushalten entwickelt. Besonders deutlich wird dies an den Zahlen: Während Deutschland im Jahr 2010 nur etwa 2.500 Tonnen der Knolle importierte, stieg die Einfuhr bis 2025 auf nahezu 40.000 Tonnen an. Diese Entwicklung spiegelt das gestiegene Interesse der Verbraucher wider, auf das auch der Handel reagiert hat.
Süßkartoffelanbau in Niedersachsen und am Bodensee
In Niedersachsen hat die Hofgemeinschaft Gaus-Lütje GbR, ansässig im Kreis Gifhorn, den Anbau von Süßkartoffeln auf 2,5 Hektar als neuen Geschäftszweig etabliert. Der Biolandbetrieb Wagner am Bodensee hingegen ist mit rund 120 Hektar der größte Produzent Deutschlands. Beide Betriebe haben sich dieser Marktnische verschrieben und sind dabei, ihre Erfahrungen kontinuierlich zu erweitern.
Laut Benjamin Schwager, stellvertretender Marktleiter eines Edeka in Wolfsburg, war es die Nachfrage nach regionalen Produkten, die Landwirt Ernst Lütje dazu brachte, über den Anbau von Süßkartoffeln nachzudenken. Dies führte letztlich zur Entscheidung, das Trendgemüse ins Sortiment aufzunehmen.
Anbauschwierigkeiten und Herausforderungen
Trotz des Erfolgs ist der Anbau von Süßkartoffeln alles andere als einfach. Die Pflanze zeigt sich als anspruchsvoll und empfindlich gegenüber klimatischen Bedingungen und Lagerung. Ernst Lütje berichtet von anfänglichen Problemen mit der Sorte Eratorange, die trotz trockener Lagerung faulte. Verbesserungen konnten durch Anpassung der Lagertemperaturen erzielt werden.
Auch bei der Pflanzmethode musste umgestellt werden: Statt bewurzelte Stecklinge zu verwenden, setzen die Landwirte nun auf unbewurzelte Triebe, sogenannte „Slips“. Diese Umstellung half dabei, den unerwünschten Korkenzieher-Wuchs zu vermeiden.
Kostenintensive Produktion
Die Produktion von Süßkartoffeln erfordert erhebliche Investitionen: Allein für das Pflanzgut fallen Kosten von rund 18.000 Euro an. Zudem müssen Umweltbedingungen optimiert werden – beispielsweise durch den Einsatz einer speziellen Folie aus Maisstärke zur Unkrautunterdrückung und Wärmespeicherung sowie durch Tropfbewässerung.
Lütje betont die Notwendigkeit eines Verkaufspreises von über zwei Euro pro Kilogramm, um kostendeckend arbeiten zu können. Trotz dieser Herausforderungen bleibt die Nachfrage nach dem Gemüse ungebrochen hoch.
Zukunftsperspektiven und Marktpotenzial
Laut Johannes Bliestle vom Vermarkter Reichenau-Gemüse eG ist es wichtig, bei aller Begeisterung für das Potenzial der Süßkartoffel nicht zu vergessen, dass sie im Vergleich zur herkömmlichen Kartoffel weitaus komplexer in der Produktion ist. Der Trend zur Süßkartoffel wird jedoch weiter bestehen bleiben.
Der Anteil regional produzierter Süßkartoffeln am deutschen Markt wächst stetig und deckt bereits stolze 20 Prozent des Konsums ab. Dieser Sektor erwirtschaftet einen Umsatz von rund 30 Millionen Euro. Der Appetit der Verbraucher auf nachhaltige und lokal angebaute Produkte dürfte auch künftig für eine stabile Nachfrage sorgen.
