In Deutschland sind die Supermarktregale stets gut gefüllt, was den Eindruck vermittelt, dass die Versorgung mit Lebensmitteln selbstverständlich sei. Doch diese scheinbare Sicherheit könnte trügerisch sein, wie Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer jüngst bei einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin betonte. Er erinnerte daran, dass während der Corona-Pandemie plötzlich alltägliche Produkte wie Mehl und Öl knapp wurden, was das Bewusstsein für die Fragilität unserer Versorgungsketten schärfte.
Ernährungssicherheit als politisches Thema
Annegret Kramp-Karrenbauer, Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, hob hervor, dass Ernährung ein hochpolitisches Thema sei, da sie das grundlegendste Bedürfnis des Menschen darstellt. Die politische Dimension wird durch Krisen wie den Ukrainekrieg verdeutlicht, wo Getreideproduktion und Handelsrouten zu geopolitischen Druckmitteln werden können. Diese Entwicklungen betreffen nicht nur Europa, sondern auch den globalen Süden durch Verknappung und Preissteigerungen.
Herausforderungen für Deutschlands Selbstversorgung
Rainer verwies auf Deutschlands Selbstversorgungsgrad von etwa 84 bis 85 Prozent bei Lebensmitteln und betonte die zunehmende Gefährdung der Versorgung durch externe Faktoren wie Krieg, Klimawandel und steigende Produktionskosten. Diese Einflüsse machen die Verletzlichkeit der Lieferketten offenkundig. Er sieht die Ernährungssicherheit als integralen Bestandteil sowohl der nationalen als auch der europäischen Sicherheitsarchitektur.
Drei Maßnahmen für mehr Resilienz
Um die Landwirtschaft krisenfester zu machen, schlug Rainer drei zentrale Schritte vor: Erstens müsse die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gesichert werden, indem Betriebe finanziell unterstützt werden. Dazu zählen Maßnahmen wie Liquiditätshilfen und Bürokratieabbau. Zweitens müsse sich die Branche besser auf klimatische und geopolitische Risiken einstellen durch wassersparende Techniken und resilientere Pflanzensorten.
Drittens forderte er eine verstärkte Notfallvorsorge. Rainer sprach sich für Vorräte an Lebensmitteln und Wasser für mindestens zehn Tage aus und plädierte dafür, staatliche Reserven um sofort verzehrbare Produkte zu erweitern. Er nahm Bezug auf seine frühere Idee einer „Ravioli-Reserve“, um im Ernstfall schnell reagieren zu können.
Schnellere Umsetzung von Forschungsergebnissen
Eine raschere Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Praxis sei unerlässlich, um stabile Erträge mit weniger Ressourcen zu erzielen. Landwirte sollten von neuen Züchtungsmethoden profitieren können, sobald deren Vorteile in Feldversuchen nachgewiesen sind. Der Minister forderte mehr Praxisnähe in Forschungsprojekten.
Öffnung statt Isolation
Rainer warnte davor, sich bei der Lebensmittelversorgung international abzuschotten. Stattdessen sollte Europa Abhängigkeiten verringern und neue Partnerschaften eingehen. Von Ländern des globalen Südens könne Deutschland im Umgang mit Naturgefahren lernen. Innovationen und internationale Zusammenarbeit seien entscheidend für eine widerstandsfähige Zukunft.
Zudem rief Kramp-Karrenbauer dazu auf, politische Diskussionen konstruktiv zu führen und Zielkonflikte zwischen Produktivität, Tierwohl und Umweltauflagen gemeinsam zu lösen. Nur durch Kooperation könnten die Herausforderungen bewältigt werden – ein Ansatzpunkt für Vertrauen in Staat und Demokratie im Kontext der Ernährungssicherheit.
