Anzeige
 

Schwarzes Meer: Über 570 Schiffe angegriffen – Getreideexporte brechen ein

Das Schwarze Meer ist 2026 zur gefährlichsten Region für die Handelsschifffahrt geworden. Mehr als 570 Schiffe wurden seit Jahresbeginn angegriffen, mindestens 40 Seeleute kamen ums Leben. Die zunehmenden Angriffe treffen auch die ukrainischen Getreideexporte. Reedereien meiden die Häfen, während die Transport- und Versicherungskosten stark steigen.

Nach Recherchen der Financial Times unter Berufung auf das maritime Sicherheitsunternehmen Ambrey und die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) hat die Zahl der Angriffe auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer einen neuen Höchststand erreicht. Zum Vergleich: In der Straße von Hormus wurden im laufenden Jahr 24 Todesfälle unter Seeleuten bestätigt.

Besonders stark verschärfte sich die Lage im Sommer. Zwischen Juli und September 2026 wurden im Schwarzen Meer rund 387 Schiffe angegriffen. Das waren mehr als fünfmal so viele wie im zweiten Quartal. Nach Auswertungen von Ambrey war Russland in den zuletzt untersuchten 45 Tagen für etwa 90 Prozent der Angriffe auf die Schifffahrt verantwortlich.

Schiffsverkehr in ukrainischen Häfen bricht ein

Die anhaltenden Angriffe haben erhebliche Folgen für die ukrainische Hafenwirtschaft. Immer mehr Reedereien verzichten darauf, ihre Schiffe zu ukrainischen Häfen zu schicken.

Nach Angaben des ukrainischen Hafenbetreibers TIS liefen im September weniger als zehn Schiffe die Häfen der Region Groß-Odesa an. Im Juli waren es noch rund 400 gewesen.

Betroffen sind insbesondere die für den ukrainischen Agrarhandel wichtigen Seehäfen. Über diese werden normalerweise große Mengen Getreide, Ölsaaten und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgeführt.

Neben direkten Angriffen auf Handelsschiffe gefährden auch Beschüsse der Hafeninfrastruktur den Warenverkehr. Die zunehmenden Sicherheitsrisiken erschweren es den Exporteuren, ausreichend Schiffsraum für ihre Lieferungen zu finden.

Kriegsrisikoversicherung kostet bis zu 15 Prozent des Schiffswerts

Zusätzlich belasten stark gestiegene Versicherungskosten die Transporte im Schwarzen Meer. Versicherer, die von der Financial Times befragt wurden, beziffern die Kosten für die Absicherung gegen Kriegsrisiken auf bis zu 15 Prozent des Schiffsrumpfwerts.

Damit kann der Versicherungsschutz nahezu doppelt so teuer sein wie für Schiffe, die im Persischen Golf verkehren. Die genannten 15 Prozent stellen allerdings einen möglichen Höchstwert dar und gelten nicht pauschal für sämtliche Transporte.

Für den Agrarhandel erhöhen solche Aufschläge die Kosten der Ausfuhr. Gleichzeitig schränkt die Zurückhaltung vieler Reedereien die verfügbaren Transportkapazitäten ein.

Ukraine verlagert Getreideexporte auf die Donau

Um die blockierten Transportwege teilweise zu ersetzen, versucht die Ukraine, größere Mengen Getreide über ihre Donauhäfen auszuführen. Allerdings sind auch diese Anlagen wiederholt Angriffen ausgesetzt.

Der ukrainische Agrarminister Taras Wyssotzkyj erklärte gegenüber der Financial Times, dass viele Schiffsbesatzungen angesichts der Sicherheitslage erhebliche Bedenken hätten, ukrainische Häfen anzulaufen.

Nach seinen Angaben können die vorhandenen Umschlagkapazitäten an der Donau wegen der anhaltenden Angriffe nicht vollständig genutzt werden. Damit sind auch die Ausweichrouten für landwirtschaftliche Exportgüter eingeschränkt.

Ukrainische Agrarexporte über See deutlich unter Vorkriegsniveau

Die Auswirkungen zeigen sich bereits in den Exportzahlen. Nach Angaben des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums wurden im August 2026 nur noch rund 1,4 Millionen Tonnen landwirtschaftliche Erzeugnisse auf dem Seeweg ausgeführt.

Das entspricht einem Rückgang von etwa 75 Prozent gegenüber dem Niveau vor Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022.

Für die ukrainische Landwirtschaft bedeutet der eingeschränkte Seehandel erhebliche Absatzprobleme. Die verfügbaren Exportwege reichen nicht aus, um die bisherigen Transportmengen vollständig zu ersetzen.

Besonders bei Getreide und Ölsaaten ist die Ukraine auf leistungsfähige Transportverbindungen angewiesen. Die Angriffe auf Schiffe und Hafenanlagen begrenzen weiterhin die Möglichkeiten, landwirtschaftliche Erzeugnisse auf die internationalen Märkte zu bringen.

Quellen