Die Ukraine verhandelt mit der Europäischen Union über finanzielle Hilfen für den Transport von Getreide und anderen Agrarprodukten zu europäischen Seehäfen. Hintergrund ist die anhaltende Blockade ukrainischer Tiefwasserhäfen am Schwarzen Meer durch Russland. Alternative Exportrouten sind deutlich teurer und reichen nach Angaben der ukrainischen Regierung nicht aus, um die verfügbaren Agrarmengen auf den Weltmarkt zu bringen.
Landwirtschaftsminister Taras Wyssozkyj erklärte auf der internationalen Konferenz „Rebuilding Ukraine: Security, Opportunities, Investment“ in Bukarest, dass die zusätzlichen Transportkosten für ukrainische Erzeuger kaum noch tragbar seien. Kiew prüfe deshalb gemeinsam mit europäischen Partnern Programme zur Erstattung eines Teils dieser Ausgaben.
Bis zu 30 Millionen Tonnen Agrarprodukte können nicht exportiert werden
Nach Berechnungen des ukrainischen Agrarministeriums könnte das Land im laufenden Wirtschaftsjahr rund 62 Millionen Tonnen Getreide, Ölsaaten und Verarbeitungserzeugnisse exportieren. Die bestehenden Transportmöglichkeiten reichen dafür allerdings nicht aus.
Über die sogenannten EU-Solidaritätskorridore gelangen derzeit monatlich etwa 2,5 Millionen Tonnen Agrarprodukte ins Ausland. Das entspricht ungefähr der Hälfte der benötigten Exportkapazität. Laut Wyssozkyj sind diese Routen bereits weitgehend ausgelastet.
Bleiben die Einschränkungen bestehen, könnten bis zu 30 Millionen Tonnen ukrainischer Agrarprodukte nicht auf die internationalen Märkte gelangen. Für die Landwirtschaft hätte das erhebliche wirtschaftliche Folgen. Ohne ausreichende Exporterlöse fehlen den Betrieben Einnahmen für Betriebsmittel, Investitionen und die Finanzierung der nächsten Anbausaison.
Vor der Blockade wurden rund 90 Prozent der ukrainischen Getreide-, Ölsaaten- und Verarbeitungsexporte über die großen Schwarzmeerhäfen abgewickelt. Seit der zweiten Julihälfte 2026 verhindern russische Angriffe nach Angaben des Ministeriums weitgehend die Anläufe ziviler Frachtschiffe in den Tiefwasserhäfen der Region Odessa.
Transport über EU-Häfen kostet 50 bis 60 Euro je Tonne zusätzlich
Als möglichen Ausweg schlägt Wyssozkyj den stärkeren Einsatz weiter entfernter europäischer Häfen vor. Ukrainische Agrarprodukte könnten über Kroatien, Italien, Slowenien oder Deutschland transportiert und von dort zu ihren eigentlichen Bestimmungsländern verschifft werden.
Solche Transportketten sind jedoch kostspielig. Nach Berechnungen des Ministeriums verteuern sie den Export um etwa 50 bis 60 Euro je Tonne. Bei den gegenwärtigen Weltmarktpreisen könnten ukrainische Landwirte diese Mehrkosten nicht selbst tragen.
Bereits Anfang Oktober hatte die Ukraine die EU deshalb um mindestens 1,1 Milliarden Euro zur Unterstützung alternativer Exportwege gebeten. Die Forderung basiert auf einem kalkulierten Zuschuss von etwa 50 Euro je Tonne.
Das Geld soll helfen, zusätzliche Transportkapazitäten zu erschließen, ohne die ohnehin belasteten Erzeugerpreise weiter zu drücken. Eine verbindliche Zusage der EU für das vorgeschlagene Finanzierungsmodell liegt bislang nicht vor.
Ukraine will traditionelle Absatzmärkte weiter beliefern
Kiew möchte die europäischen Häfen vor allem als Transitstationen nutzen. Die Agrarprodukte sollen weiterhin in Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens geliefert werden, die seit Jahren zu den wichtigen Abnehmern ukrainischen Getreides gehören.
Damit könnte die Ukraine ihre bisherigen Handelsbeziehungen aufrechterhalten, ohne größere zusätzliche Mengen auf dem europäischen Binnenmarkt absetzen zu müssen.
Gleichzeitig erklärte Wyssozkyj, dass sein Land bei Versorgungsengpässen auch mehr Agrarprodukte direkt in die EU liefern könne. Als Beispiel nannte er mögliche Ernteausfälle infolge ungünstiger Witterung.
Dafür kämen zeitlich begrenzte Vereinbarungen über Zollkontingente oder andere Marktzugangsbeschränkungen infrage. Solche Maßnahmen müssten allerdings mit der EU abgestimmt werden.
Exportprobleme gefährden die nächste Aussaat
Neben den unmittelbaren Verlusten beim Export befürchtet die ukrainische Regierung Folgen für die kommende Anbausaison. Können die Betriebe ihre Erzeugnisse nicht verkaufen, fehlen ihnen finanzielle Mittel für Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz und Diesel.
Nach Einschätzung des Agrarministeriums könnten deshalb bis zu fünf Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche bei der nächsten Aussaat unbestellt bleiben.
Die Regierung warnt zudem vor Auswirkungen auf den internationalen Getreidemarkt. Ein Ausfall ukrainischer Lieferungen von bis zu 30 Millionen Tonnen könnte das weltweite Angebot verringern. Wyssozkyj rechnet damit, dass die Risiken für steigende Preise insbesondere ab Januar und Februar 2027 zunehmen könnten, wenn die vorhandenen Vorräte zurückgehen.
Ob zusätzliche Exportrouten über europäische Häfen rechtzeitig verfügbar werden, hängt nun auch von den Verhandlungen über die Finanzierung der höheren Transportkosten ab.
Quellen
- Ukrainisches Agrarministerium: Exportlogistik und alternative Transportwege
- Ukrainische Regierung: Agrarexporte im September 2026
- LB.ua: Ukraine fordert 1,1 Milliarden Euro für Exportlogistik
