Der anhaltende Konflikt um die Tierwohl-Verträge von Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen (NST) hat eine neue Wendung genommen. Nach Berichten der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) betrifft die Kündigungswelle nun auch Schweinehalter, die an ihren ursprünglichen Verträgen festhalten wollten. Edeka hatte zuvor bereits im Frühjahr Vereinbarungen mit einigen Schweinemästern aufgelöst und ihnen neue Verträge angeboten.
Edeka NST bestätigt Vertragsbeendigungen
Laut einer Bestätigung von Edeka NST wurden kürzlich zwei Mastbetrieben die Verträge gekündigt, was 1,7 Prozent ihrer Vertragsschweine betrifft. Die Regionalgesellschaft betont, dass mit diesen Betrieben von Februar bis September 2026 Verhandlungen geführt wurden, um sie zu einem Wechsel auf neue Langzeitverträge zu bewegen. Diese Bemühungen seien jedoch gescheitert, da keine Einigung erzielt werden konnte.
ISN übt scharfe Kritik an Edekas Vorgehen
Die ISN kritisiert das Unternehmen heftig für die fristlosen oder kurzfristigen Kündigungen der bestehenden Verträge. Edekas Begründung, die wirtschaftliche Unzumutbarkeit des bisherigen Kostpreismodells sei ein Grund für die Vertragsauflösungen, stößt bei der Interessengemeinschaft auf Unverständnis. Laut ISN gefährden solche Maßnahmen das Vertrauen in langfristige Liefervereinbarungen und Tierwohlprogramme erheblich.
Hintergründe und Reaktionen
Edeka NST widerspricht den Anschuldigungen der ISN und erklärt, dass die Kündigungen nach vorheriger Ankündigung erfolgt seien. Trotz umfangreicher Verhandlungen und zusätzlicher Anreize sei keine Lösung gefunden worden, um die Betriebe zur Annahme neuer Vertragsbedingungen zu bewegen.
ISN-Geschäftsführer Torsten Staack äußerte Bedenken darüber, dass Bauern in erheblichem Maße in Tierwohlställe investiert hätten, basierend auf den ursprünglich langfristigen und lukrativen Preismodellen des Programms „Bauernschätze“. Der plötzliche Kurswechsel von Edeka sende ein negatives Signal an andere Landwirte.
Neues Vertragsmodell von Edeka
Im April 2026 führte Edeka NST ein neues Vertragsmodell für Schweinemäster ein, das gemeinsam mit ProFarm und den Landwirten entwickelt wurde. Ziel war es, mehr Planungssicherheit und eine marktgerechte Preisbasis zu schaffen. Laut Edeka stimmten 84 Prozent der Vertragslandwirte dem neuen Modell zu, während 14 Prozent ablehnten. Die alten Verträge liefen für diese Gruppe planmäßig zum 30. September aus.
Kritik am neuen Modell
Trotz der Einführung des neuen Modells gibt es seitens einiger Schweinehalter Kritik an den angebotenen Konditionen. Sie bemängeln insbesondere den engeren Gewichtsbereich von 90 bis 100 kg bei Schlachtschweinen und berichten von Druck seitens Edeka zur Unterzeichnung der neuen Verträge.
Edeka verteidigt sein Vorgehen jedoch mit dem Argument, dass die angebotenen Zuschläge über denen der Konkurrenz liegen und bisher kein Vertrag mit dem neuen Modell gekündigt worden sei.
Zukunftsaussichten für Tierwohlprogramme
Die Frage nach der Zuverlässigkeit langfristiger Lieferzusagen bleibt zentral in dieser Debatte. Die bisherigen Verträge boten Landwirten eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit, die notwendig war für Investitionen in höhere Tierhaltungsstandards. Die ISN wirft Edeka vor, seine Marktmacht auszunutzen und die Last verfehlter Margenziele auf Erzeuger abzuwälzen.
Trotz der Kontroversen plant Edeka NST weiterhin in höheren Haltungsformen aktiv zu bleiben und arbeitet an einem Programm für Haltungsform 4 – ein Zeichen dafür, dass das Thema Tierwohl auch zukünftig eine Rolle im Portfolio des Unternehmens spielen soll.
