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Russischer Weizenexport verlagert sich an die Ostsee

Russland wickelt einen wachsenden Teil seiner Weizenexporte über Ostseehäfen ab. Gleichzeitig haben mehrere Analysehäuser ihre Schätzungen für die Ausfuhren im September 2026 nach oben korrigiert. Nach aktuellen Berechnungen könnten rund 2,3 Mio. t Weizen exportiert werden. Die Preise für russischen Exportweizen gaben zuletzt dagegen leicht nach.

Für Weizen mit 12,5 Prozent Proteingehalt wurden Ende vergangener Woche in den russischen Ostseehäfen Wyssozk und Ust-Luga 267 US-Dollar je Tonne FOB für eine Lieferung im November genannt. Nach Angaben des Beratungsunternehmens IKAR waren das 1 US-Dollar je Tonne weniger als eine Woche zuvor. Damit folgten die russischen Exportpreise der schwächeren Entwicklung am internationalen Weizenmarkt.

Die Preiskorrektur fällt zwar gering aus. Deutlich größere Veränderungen zeigen sich derzeit jedoch bei den Exportwegen. Weil die Verschiffung über die südrussischen Häfen stark eingeschränkt ist, werden Getreidemengen zunehmend an die Ostsee verlagert. Dort kommen inzwischen auch Terminals zum Einsatz, die ursprünglich vor allem für Kohle und Düngemittel vorgesehen waren.

Septemberexport auf 2,3 Mio. t geschätzt

Die stärkere Nutzung der Ostseehäfen hat die Erwartungen an den russischen Weizenexport im September steigen lassen. IKAR geht inzwischen davon aus, dass Russland in diesem Monat rund 2,3 Mio. t Weizen ausführen kann.

Auch SovEcon und das Analysezentrum von Rusagrotrans kommen auf ähnliche Größenordnungen. Damit wurden die Prognosen innerhalb kurzer Zeit mehrfach angehoben.

Noch eine Woche zuvor hatte IKAR mit etwas mehr als 2 Mio. t gerechnet. SovEcon bezifferte den Septemberexport auf 2,1 Mio. t, während Rusagrotrans 2,2 Mio. t erwartet hatte.

Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei Rusagrotrans. Anfang September lag die Prognose des Analysezentrums zunächst bei lediglich 1,6 bis 2 Mio. t. Anschließend wurde die Schätzung auf 1,75 Mio. t konkretisiert und später auf 2,2 Mio. t angehoben. Inzwischen liegt auch Rusagrotrans bei rund 2,3 Mio. t.

Die höheren Erwartungen bedeuten allerdings nicht, dass sich die Exportbedingungen grundsätzlich normalisiert haben. Vielmehr gelingt es russischen Exporteuren offenbar zunehmend, einen Teil der bislang über südliche Häfen verschifften Mengen über alternative Terminals abzuwickeln.

Ostsee übernimmt einen größeren Teil der Getreideexporte

Die Verlagerung verändert die russische Getreidelogistik erheblich. Traditionell spielt der Schwarzmeerraum eine zentrale Rolle für den Export von Weizen. Die dortigen Häfen liegen vergleichsweise nah an wichtigen Anbaugebieten im Süden Russlands und bieten Zugang zu bedeutenden Absatzmärkten.

Seit Mitte August sind die Verschiffungen über die Häfen des Asow-Schwarzmeer-Raums jedoch weitgehend zum Erliegen gekommen. Dadurch müssen Exporteure auf andere Routen ausweichen.

Eine zentrale Rolle übernehmen dabei die russischen Ostseehäfen. Genannt werden vor allem Ust-Luga und Wyssozk. Zusätzlich werden vorhandene Umschlagkapazitäten angepasst, damit Terminals, die bislang andere Massengüter abgefertigt haben, auch Getreide übernehmen können.

Für die Getreidewirtschaft bedeutet diese Verlagerung einen zusätzlichen logistischen Aufwand. Weizen aus den Produktionsregionen muss über längere Landwege zu den neuen Verladepunkten gebracht werden. Gleichzeitig müssen ausreichende Kapazitäten für Bahntransport, Zwischenlagerung und Hafenumschlag zur Verfügung stehen.

Die jüngsten Exportzahlen zeigen jedoch, dass diese Ausweichrouten inzwischen größere Mengen aufnehmen können.

Kohle- und Düngemittelterminals laden zunehmend Getreide

Bemerkenswert ist vor allem die Nutzung bestehender Infrastruktur für andere Güter. Russische Exporteure greifen an der Ostsee zunehmend auf Terminals zurück, die bislang Kohle oder Mineraldünger umgeschlagen haben.

Dadurch lässt sich zusätzliche Hafenleistung vergleichsweise kurzfristig für den Getreideexport mobilisieren. Neue spezialisierte Getreideterminals müssen dafür nicht zwingend vollständig neu errichtet werden.

Die Umstellung stellt allerdings Anforderungen an Lagerung, Fördertechnik und Verladung. Getreide muss anders gehandhabt werden als Kohle oder Düngemittel. Gleichzeitig entscheidet die Anbindung an das russische Eisenbahnnetz darüber, welche Mengen tatsächlich zu den Terminals transportiert werden können.

Die zunehmenden Bahnlieferungen Richtung Ostsee sind deshalb ein wesentlicher Faktor für die nach oben korrigierten Exportprognosen.

Export im ersten Quartal könnte 6,6 Mio. t erreichen

Für das erste Quartal des russischen Getreidewirtschaftsjahres 2026/27 ergibt sich damit ein Exportvolumen von mehreren Millionen Tonnen.

Rusagrotrans rechnet für den Zeitraum Juli bis September mit rund 6,6 Mio. t ausgeführtem Weizen. Der September würde bei einem Export von 2,3 Mio. t damit gut ein Drittel der Menge des gesamten Dreimonatszeitraums ausmachen.

Die Zahlen zeigen zugleich, wie stark sich die Erwartungen innerhalb weniger Wochen verändert haben. Noch Anfang September deuteten die Prognosen auf wesentlich schwächere Ausfuhren hin. Mit der zunehmenden Nutzung alternativer Hafenstandorte wurden die Schätzungen schrittweise angehoben.

Ob dieses Exporttempo auch in den kommenden Monaten gehalten werden kann, hängt unter anderem davon ab, welche Umschlagmengen die Ostseehäfen dauerhaft bewältigen können und wie sich die Situation an den bisherigen Exportstandorten entwickelt.

Russischer Weizenpreis sinkt leicht

Während die Exportprognosen steigen, bewegten sich die Preise zuletzt in die entgegengesetzte Richtung. Für russischen Weizen mit 12,5 Prozent Protein sank der Preis an der Ostsee innerhalb einer Woche um 1 US-Dollar auf 267 US-Dollar je Tonne FOB.

FOB steht für „Free on Board“. Der genannte Preis umfasst damit die Ware und ihre Verladung auf das Schiff im Exporthafen. Die anschließenden Seefrachtkosten trägt der Käufer.

Für internationale Abnehmer ist der FOB-Preis ein wichtiges Vergleichskriterium zwischen verschiedenen Herkünften. Russischer Weizen konkurriert auf dem Weltmarkt unter anderem mit Ware aus der EU, der Ukraine, den USA, Kanada, Australien und Argentinien.

Die jüngste leichte Verbilligung folgt nach Angaben von IKAR der allgemeinen Entwicklung am Weltmarkt. Damit wird deutlich, dass die eingeschränkte russische Hafenlogistik allein nicht die Preisrichtung bestimmt. Internationale Nachfrage, das Angebot anderer Exportländer und die Preisentwicklung an den globalen Getreidemärkten bleiben ebenfalls maßgeblich.

Höhere Exportprognose trotz gestörter Logistik

Die Entwicklung im September zeigt eine ungewöhnliche Kombination: Einerseits sind wichtige Exportwege stark eingeschränkt, andererseits werden die Prognosen für die russischen Weizenausfuhren angehoben.

Erklären lässt sich dies vor allem durch die schnelle Verlagerung von Warenströmen. Getreide, das nicht über den Süden verschifft werden kann, wird verstärkt auf dem Schienenweg Richtung Ostsee gebracht. Dort werden zusätzliche Umschlagmöglichkeiten erschlossen.

Für den russischen Getreidemarkt kann dies kurzfristig einen Teil der fehlenden Kapazitäten ausgleichen. Entscheidend ist allerdings nicht allein die theoretische Kapazität der Häfen. Auch die Zuführung des Getreides, die Verfügbarkeit von Waggons sowie Lager- und Verladekapazitäten begrenzen die möglichen Mengen.

Die mehrfachen Prognosekorrekturen innerhalb des Septembers zeigen, dass sich diese Kapazitäten offenbar schneller mobilisieren ließen als zunächst angenommen.

Ostsee gewinnt für russischen Weizen an Bedeutung

Die Veränderungen könnten auch über den September hinaus Auswirkungen auf die russischen Exportstrukturen haben. Werden bestehende Kohle- und Düngemittelterminals dauerhaft für Getreide ertüchtigt, erweitert Russland seine Möglichkeiten, Weizen über unterschiedliche Seewege auszuführen.

Für den internationalen Getreidemarkt ist deshalb nicht allein entscheidend, wie viel Weizen Russland erzeugt. Ebenso wichtig ist, welche Mengen tatsächlich die Exporthäfen erreichen und verschifft werden können.

Der September 2026 liefert dafür ein deutliches Beispiel. Trotz erheblicher Einschränkungen an den traditionellen südlichen Exportstandorten haben IKAR, SovEcon und Rusagrotrans ihre Prognosen für die russischen Weizenausfuhren auf rund 2,3 Mio. t angehoben. Gleichzeitig sank der Preis für Weizen mit 12,5 Prozent Protein an der Ostsee leicht auf 267 US-Dollar je Tonne FOB.

Für das gesamte erste Quartal des Wirtschaftsjahres 2026/27 erwartet Rusagrotrans inzwischen rund 6,6 Mio. t russische Weizenexporte. Wie groß der Anteil der Ostseeroute in den kommenden Monaten wird, hängt vor allem davon ab, in welchem Umfang die dort zusätzlich erschlossenen Terminals den Getreideumschlag aufrechterhalten können.

Quellen