Die Aussichten auf eine kurzfristige Wiederherstellung sicherer ukrainischer Getreideexporte über das Schwarze Meer bleiben nach Einschätzung der Regierung in Kyjiw gering. Der ukrainische Agrarminister Taras Wysotskyj erklärte in Brüssel, Russland habe nach Informationen der vermittelnden Staaten bislang sämtliche Vorschläge zur Deeskalation im Schwarzen Meer abgelehnt. Direkte Gespräche zwischen der Ukraine und Russland zu diesen Vorschlägen habe es nach seinen Angaben nicht gegeben.
Gleichzeitig gehen die öffentlichen Aussagen beider Seiten auseinander. Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte am 25. September, Vorschläge für eine Beendigung beziehungsweise Begrenzung der Kampfhandlungen lägen weiterhin auf dem Tisch. Moskau werde Entscheidungen jedoch unter Berücksichtigung der eigenen Interessen treffen.
Für die ukrainische Landwirtschaft hat die Situation unmittelbare wirtschaftliche Folgen. Alternative Exportwege über Land und die Donau können nach Angaben der ukrainischen Regierung nur einen Teil der normalerweise benötigten Transportkapazität ersetzen. Wysotskyj warnt deshalb davor, dass im Wirtschaftsjahr 2026/27 rund 30 Mio. t Agrarprodukte nicht ausgeführt werden könnten.
Kyjiw erwartet in den kommenden Monaten keine Lösung
Wysotskyj äußerte sich am Rande von Gesprächen in Brüssel pessimistisch über eine schnelle Entspannung. Nach seiner Darstellung hätten Staaten, die zwischen den Parteien vermitteln, Kyjiw darüber informiert, dass Russland die bislang vorgelegten Vorschläge nicht akzeptiert habe.
Weitere konkrete Verhandlungsrunden seien derzeit nicht absehbar. Die verschiedenen Möglichkeiten seien bereits ausgelotet worden, ohne ein Ergebnis zu erzielen, erklärte der Minister gegenüber Bloomberg. Die Ukraine müsse sich deshalb darauf einstellen, dass die schwierige Lage bei den Schwarzmeerexporten in den kommenden Monaten bestehen bleibt.
Am 28. September nahm Wysotskyj zudem am Treffen der EU-Agrarminister in Brüssel teil. Der Rat der Europäischen Union bestätigte seine Teilnahme. Die Minister befassten sich dort unter anderem mit der Lage auf den Agrarmärkten und der Situation der ukrainischen Landwirtschaft.
Türkei versucht Getreidekorridor wiederzubeleben
Trotz der zurückhaltenden Einschätzung aus Kyjiw laufen diplomatische Bemühungen weiter. Eine zentrale Rolle spielt erneut die Türkei.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan erklärte nach einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in New York, Ankara wolle seine Bemühungen um die Wiederherstellung eines Getreidekorridors im Schwarzen Meer verstärken. Von Selenskyj habe er darauf eine positive Antwort erhalten.
Auch das ukrainische Präsidialamt bestätigte, dass beide Präsidenten über die Sicherheit im Schwarzen Meer und Möglichkeiten zur Wiederaufnahme eines verlässlicheren maritimen Exportkorridors gesprochen haben. Nach Angaben Selenskyjs liegen mehrere Varianten für eine Wiederherstellung des Korridors vor. Voraussetzung sei aus ukrainischer Sicht, dass Russland seine Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur einstellt.
Die Türkei hatte bereits zuvor Vorschläge an beide Seiten übermittelt, mit denen Angriffe im Schwarzen Meer begrenzt und die Sicherheit der kommerziellen Schifffahrt verbessert werden sollte.
Ankara besitzt dabei eine besondere Stellung. Die Türkei kontrolliert mit Bosporus und Dardanellen den Zugang zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer und war bereits an der Vermittlung des früheren Schwarzmeer-Getreideabkommens beteiligt.
Russland stellt die Verhandlungen anders dar
Die russische Darstellung unterscheidet sich von den Angaben der ukrainischen Regierung.
Putin erklärte am 25. September, Vorschläge zur Beilegung des Krieges seien weiterhin Gegenstand der Gespräche. Russland müsse jedoch prüfen, welche Schritte seinen eigenen Interessen entsprächen. Gleichzeitig stellte er die Diskussion über eine mögliche Deeskalation in Zusammenhang mit ukrainischen Angriffen auf russisches Territorium.
Damit lässt sich aus den öffentlich verfügbaren Aussagen derzeit keine Einigung über einen neuen Schwarzmeermechanismus ableiten.
Während Wysotskyj nach Informationen vermittelnder Staaten davon ausgeht, dass Moskau die bisherigen Vorschläge abgelehnt hat, bezeichnet Putin verschiedene Vorschläge weiterhin als verhandelbar. Ein gemeinsam bestätigtes Abkommen über die Sicherheit der Getreideschifffahrt liegt bislang nicht vor.
Schwarzmeerroute bleibt für ukrainische Landwirtschaft entscheidend
Für die Ukraine ist der Zugang zu den Schwarzmeerhäfen von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Getreide, Ölsaaten, Pflanzenöle und andere Agrarprodukte gehören zu den wichtigsten Exportgütern des Landes.
Große Mengen lassen sich über See deutlich effizienter transportieren als über Straße oder Schiene. Ein Hochseefrachter kann auf einer einzigen Fahrt mehrere zehntausend Tonnen Getreide aufnehmen. Dieselben Mengen über die westlichen Landgrenzen zu transportieren, erfordert dagegen eine große Zahl von Eisenbahnwaggons oder Lastwagen sowie entsprechende Kapazitäten an Grenzübergängen, Terminals und Häfen.
Störungen der maritimen Exporte wirken sich deshalb unmittelbar auf die ukrainische Agrarlogistik aus.
Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung verwies zuletzt ebenfalls auf Beeinträchtigungen der ukrainischen Wirtschaft durch Probleme bei der Schwarzmeerschifffahrt und Schäden an der Energieinfrastruktur.
Alternative Exportwege decken rund 45 Prozent des Bedarfs
Die Ukraine hat ihre Exporte über alternative Korridore ausgeweitet. Dazu gehören Schienen- und Straßentransporte über die EU-Nachbarstaaten sowie Transporte über Donauhäfen.
Nach Angaben Wysotskyjs erreichen diese Routen derzeit rund 45 Prozent der benötigten Exportkapazität. Selbst bei vollständiger Auslastung könnten sie nach ukrainischen Schätzungen lediglich etwa 50 Prozent des notwendigen Transportvolumens übernehmen.
Damit unterscheiden sich die aktuellen Probleme von Situationen, in denen lediglich ein einzelner Hafen oder Transportweg ausfällt. Die entscheidende Frage ist die Gesamtleistung des Logistiksystems.
Zusätzliche Züge oder Lastwagen können die fehlende Kapazität der Seehäfen nur begrenzt ersetzen. Engpässe entstehen unter anderem bei Bahnstrecken, Grenzübergängen, Umladeterminals und europäischen Seehäfen.
Auch die Kosten spielen eine Rolle. Längere Landwege und zusätzliche Umladevorgänge erhöhen die Transportkosten je Tonne. Bei Getreide mit vergleichsweise niedrigem Wert je Gewichtseinheit können höhere Logistikkosten die Wettbewerbsfähigkeit erheblich beeinflussen.
Bis zu 30 Mio. t Agrarprodukte könnten ohne Exportweg bleiben
Wysotskyj beziffert das mögliche Exportdefizit für das laufende Wirtschaftsjahr auf rund 30 Mio. t Agrarprodukte. Dabei handelt es sich um eine ukrainische Schätzung unter der Annahme, dass die derzeitigen Einschränkungen bestehen bleiben.
Die Zahl umfasst nicht ausschließlich Getreide. Von den Exportproblemen sind auch andere landwirtschaftliche Erzeugnisse betroffen.
Für die Betriebe wäre eine solche Entwicklung aus mehreren Gründen relevant. Wenn Exportmengen nicht abfließen können, füllen sich Lager schneller. Gleichzeitig kann ein wachsendes Angebot auf dem Binnenmarkt die Erzeugerpreise belasten.
Besonders problematisch wird dies vor einer neuen Ernte. Sind Silos noch mit Ware aus der vorherigen Saison belegt, sinkt die verfügbare Lagerkapazität für neue Erntemengen.
Die tatsächliche Entwicklung hängt allerdings davon ab, wie lange die Einschränkungen anhalten, welche zusätzlichen Exportwege erschlossen werden können und wie groß die ukrainische Produktion ausfällt.
EU prüft zusätzliche Exportmöglichkeiten
Die Europäische Union unterstützt seit Beginn des russischen Großangriffs alternative Transportwege für ukrainische Güter. Über die sogenannten Solidaritätskorridore wurden zusätzliche Verbindungen per Bahn, Straße und über Binnen- sowie Seehäfen geschaffen.
Angesichts der erneuten Probleme im Schwarzen Meer versucht die Ukraine, diese Transportmöglichkeiten weiter auszubauen.
Auch Gespräche mit Rumänien und Moldau spielen dabei eine Rolle. Die Europäische Kommission bestätigte im August, dass sie die Folgen der Einschränkungen im Schwarzen Meer für Landwirtschaft und Wirtschaft untersucht und dazu mit der Ukraine sowie den beteiligten Nachbarstaaten im Austausch steht.
EU-Agrarkommissar Christophe Hansen hatte Anfang September erklärt, dass die Europäische Union unterschiedliche Möglichkeiten prüft, um ukrainische Agrarausfuhren weiter zu unterstützen.
Eine vollständige Alternative zur Hochseeschifffahrt über ukrainische Schwarzmeerhäfen lässt sich jedoch nicht kurzfristig schaffen.
Ukraine beantragte 220 Mio. Euro für Landwirte
Neben der Exportlogistik wird auch die Finanzierung der ukrainischen Landwirtschaft schwieriger.
Die ukrainische Regierung beantragte bei der Europäischen Kommission zusätzliche 220 Mio. Euro zur Unterstützung landwirtschaftlicher Betriebe. Die EU-Kommission bestätigte bereits Mitte August den Eingang dieses Antrags.
Nach Angaben der Kommission sollte das Geld unter anderem dazu dienen, die Finanzierungskosten für Bankkredite an landwirtschaftliche Betriebe zu senken. Damit sollten Betriebe trotz der angespannten Markt- und Exportsituation Zugang zu Liquidität erhalten.
Wysotskyj erklärte nun gegenüber Bloomberg, die Kommission habe den Antrag nicht bewilligt. Eine eigenständige öffentliche Bestätigung der endgültigen Entscheidung durch die Kommission lag in den von ihr veröffentlichten Angaben zunächst nicht vor. Noch am 24. September erklärte ein Kommissionssprecher auf Nachfrage, zu diesem Thema keine neuen Informationen mitteilen zu können.
Damit ist bei diesem Punkt zwischen der Darstellung des ukrainischen Ministers und den bislang öffentlich zugänglichen Aussagen der EU-Kommission zu unterscheiden.
Weltbank-Kredit soll Liquidität sichern
Nach Angaben Wysotskyjs stehen der ukrainischen Landwirtschaft stattdessen rund 250 Mio. US-Dollar über eine günstige Finanzierung der Weltbank zur Verfügung. Diese Mittel sollen den Betrieben zunächst helfen, ihre Liquidität zu sichern.
Die Weltbank unterstützt den ukrainischen Agrarsektor bereits über verschiedene Programme. Dazu zählt unter anderem das Projekt „Ukraine Agriculture Recovery Inclusive Support Emergency“, kurz ARISE. Die Weltbank weist dafür ein Finanzierungsvolumen von 230 Mio. US-Dollar aus.
Wysotskyj geht davon aus, dass die derzeit verfügbaren Mittel zunächst bis zum Jahreswechsel helfen können. Für die Zeit danach müsse jedoch rechtzeitig eine weitere Finanzierung vorbereitet werden.
Für Agrarbetriebe ist Liquidität besonders wichtig, weil viele Kosten lange vor dem Verkauf der Ernte entstehen. Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz, Kraftstoff und Maschinenkosten müssen finanziert werden, während Einnahmen erst nach Ernte und Vermarktung anfallen.
Wenn gleichzeitig Exportmöglichkeiten fehlen und Erzeugerpreise unter Druck geraten, steigt der Finanzierungsbedarf.
Ukraine will höhere EU-Quoten für Agrarprodukte
Parallel versucht Kyjiw, zusätzliche Absatzmöglichkeiten innerhalb der Europäischen Union zu erschließen.
Im August diskutierten das ukrainische Landwirtschaftsministerium und Branchenvertreter eine Ausweitung bestehender EU-Zollkontingente. Genannt wurden unter anderem Zucker, Stärkeprodukte, Alkohol und Bioethanol.
Besonders konkret ist die Forderung bei Bioethanol. Für 2026 verfügt die Ukraine über ein EU-Kontingent von 125.000 t. Mitte August waren nach Angaben Wysotskyjs bereits rund 101.000 t davon genutzt. Die ukrainische Regierung will deshalb eine Ausweitung erreichen.
Auch Zucker gehört zu den Produkten, für die Kyjiw größere Absatzmöglichkeiten anstrebt.
Eine Erhöhung solcher Kontingente könnte zusätzliche Exporte in die EU ermöglichen, ersetzt mengenmäßig jedoch keinen vollständig funktionierenden Schwarzmeerkorridor. Die über See transportierten Mengen an Getreide und Ölsaaten liegen in einer anderen Größenordnung.
Höhere EU-Quoten sind politisch sensibel
Eine Erweiterung des Marktzugangs für ukrainische Agrarprodukte ist innerhalb der Europäischen Union nicht unumstritten.
Vor allem Mitgliedstaaten mit großen Agrarsektoren haben in den vergangenen Jahren wiederholt auf mögliche Auswirkungen ukrainischer Einfuhren auf Preise und Absatzmöglichkeiten ihrer eigenen Betriebe hingewiesen.
Auch im Europäischen Parlament wurden im September Fragen zu einer möglichen Ausweitung der ukrainischen Zollkontingente gestellt. Dabei wurden insbesondere Zucker, Stärkeprodukte, Alkohol und Bioethanol genannt.
Für die EU entsteht damit ein Zielkonflikt zwischen der Unterstützung ukrainischer Exporte und dem Schutz sensibler europäischer Agrarmärkte.
Welche Kontingente letztlich verändert werden, hängt deshalb nicht allein von der ukrainischen Exportlage ab. Auch die Marktsituation in der EU und die geltenden Handelsvereinbarungen spielen eine Rolle.
Sichere Schwarzmeerschifffahrt bleibt entscheidender Faktor
Die verschiedenen Maßnahmen können die Auswirkungen eingeschränkter Seeexporte abmildern: zusätzliche Donauverkehre, Bahntransporte durch die EU, neue Absatzmärkte, Kredite für Betriebe und höhere Zollkontingente.
Sie ersetzen jedoch nicht die Transportleistung großer Schwarzmeerhäfen.
Für die ukrainische Agrarwirtschaft bleibt deshalb entscheidend, ob Handelsschiffe wieder unter verlässlicheren Bedingungen verkehren können. Genau daran arbeiten derzeit unter anderem die Türkei und weitere Vermittler.
Eine Einigung ist bislang nicht erkennbar. Die Ukraine erklärt unter Berufung auf die vermittelnden Staaten, Russland habe die bisherigen Vorschläge abgelehnt. Moskau wiederum erklärt öffentlich, verschiedene Vorschläge lägen weiterhin auf dem Tisch.
Solange daraus kein von beiden Seiten akzeptierter Mechanismus entsteht, muss die ukrainische Landwirtschaft mit eingeschränkten Exportkapazitäten planen. Nach der derzeitigen Schätzung aus Kyjiw könnten andernfalls im Wirtschaftsjahr 2026/27 bis zu 30 Mio. t Agrarprodukte ohne ausreichende Exportmöglichkeit bleiben.
Quellen
- Bloomberg: Ukraine Expects No Black Sea Ceasefire in Coming Months
- Präsidialamt der Ukraine: Gespräche mit der Türkei über Sicherheit und Lebensmittelexporte im Schwarzen Meer
- Rat der Europäischen Union: Treffen der EU-Agrarminister vom 28./29. September 2026
- Europäische Kommission: Pressebriefing zum ukrainischen Antrag über 220 Mio. Euro
- Ukrainische Regierung: Erweiterung der Agrarausfuhren und Nutzung von EU-Kontingenten
- Weltbank: Finanzierungsprogramme für die Ukraine
