Die deutsche Schweinebranche befindet sich in einer schweren Krise, obwohl die Preise zuletzt gestiegen sind. Jochen Westermann, Mitglied des Aufsichtsrats von Westfleisch und Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes, sowie Michael Schulze Kalthoff, COO Schwein bei Westfleisch, erläutern die Herausforderungen und Perspektiven für die Branche.
Hohe Produktionskosten belasten Schweinehalter
Obwohl die Preise für Schlachtschweine zuletzt auf 1,60 Euro pro Kilogramm gestiegen sind, genügt dies nicht, um die hohen Produktionskosten zu decken. Im Vergleich zu den 1,20 Euro pro Kilogramm im Jahr 2022 sind die Kosten deutlich angestiegen. Westermann betont, dass selbst gut geführte Betriebe mit Liquiditätsproblemen kämpfen und viele Betriebe, die schließen mussten, nicht zurückkehren werden.
Die Politik müsse dringend reagieren und kurzfristige Liquiditätshilfen sowie steuerliche Erleichterungen bereitstellen. Eingriffe in den Markt seien jedoch laut Westermann keine nachhaltige Lösung.
Exportchancen und Marktöffnung als Lösungsansätze
Westermann sieht im Ausbau der Agrarexportstrategie Chancen zur Entlastung. Die Öffnung der Märkte in China und Japan sollte dabei im Fokus stehen. Erfolgreiche Regionalisierungsabkommen mit den Philippinen könnten als Vorbild dienen. Aktuell werden weitere Abkommen mit Südafrika und China vorbereitet.
An anderer Stelle müsse die Gastronomie stärker zum Einsatz von Schweinefleisch aus deutscher Produktion bewegt werden. Westermann fordert zudem mehr Engagement bei der Umsetzung des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes und der Umbaumaßnahmen für mehr Tierwohl.
Absatzprobleme trotz Preisanstieg
Laut Schulze Kalthoff stellt der Preisanstieg für Schlachtschweine zwar ein positives Signal dar, löst jedoch nicht alle Probleme. Die Nachfrage kann mit den steigenden Preisen nicht Schritt halten, was vermehrt Druck auf Schlacht- und Zerlegungsbetriebe ausübt. Da Deutschland stärker auf den Binnenmarkt angewiesen ist als zuvor, entsteht zusätzlicher Handlungsbedarf.
Ursachen und Perspektiven des Preisanstiegs
Der jüngste Preisanstieg wird durch ein knappes Angebot sowie verbesserte Exportmöglichkeiten erklärt. Ungünstige Wetterbedingungen haben das Wachstum der Schweine verzögert, während der Druck durch spanische Exporte nachgelassen hat. Dadurch konnte Deutschland wieder mehr in europäische Länder exportieren.
Schulze Kalthoff blickt vorsichtig optimistisch in die Zukunft: Die Nachfrage nach Fleisch bleibt bestehen. Entscheidend sei jedoch die Entwicklung der globalen Märkte für spanisches und dänisches Schweinefleisch. Je besser diese abfließen können, desto entspannter wird auch die Lage in Deutschland.
Anforderungen an die Politik
Westermann fordert von der Politik gleiche Wettbewerbsbedingungen wie bei den europäischen Nachbarn sowie faire Kennzeichnungen. Der Außer-Haus-Verzehr müsse sich zu deutschen Qualitätsstandards bekennen. Zudem benötige die Sauenhaltung Anpassungen bei Umbaufristen und mehr Förderung für Tierwohlprojekte.
Blick in die Zukunft: Investitionen im Ferkelmarkt
Die geringeren Ferkelimporte aus den Niederlanden aufgrund von dortigen Aufkaufaktionen und Preisschwierigkeiten in Dänemark könnten positive Effekte auf den deutschen Ferkelmarkt haben. Der Lebensmitteleinzelhandel hält weiterhin an heimischen Standards fest, was einen Anreiz zur Erhöhung der Nachfrage nach deutschen Ferkeln bietet.
Laut Schulze Kalthoff zeigt sich insbesondere bei jüngeren Verbrauchern ein wachsendes Interesse an Fleischqualität aus regionaler Herkunft – eine Entwicklung, von der Unternehmen wie Westfleisch profitieren könnten.
