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Erstes Strohkraftwerk Deutschlands entstand 1993 in Thüringen

Stroh zur Energieversorgung ganzer Ortschaften einzusetzen, war Anfang der 1990er-Jahre in Deutschland noch weitgehend Neuland. Im thüringischen Schkölen entstand 1993 das erste Strohheizwerk Deutschlands. Die Anlage sollte einen Teil der bis dahin eingesetzten fossilen Energieträger ersetzen und gleichzeitig einen regional verfügbaren Reststoff aus der Landwirtschaft nutzen.

Das Projekt orientierte sich an Erfahrungen aus Dänemark, wo Stroh bereits früher als Brennstoff in größeren Heizungsanlagen eingesetzt wurde. Für die landwirtschaftlich geprägte Region um Schkölen bot sich das Material an: Getreidestroh war in ausreichender Menge verfügbar und konnte von Betrieben aus der Umgebung geliefert werden.

Strohheizwerk versorgte Schkölen mit Fernwärme

Das Strohheizwerk nahm 1993 den Betrieb auf. Der mit Stroh befeuerte Kessel verfügte über eine Nennleistung von 3,15 MW. Die erzeugte Wärme wurde über ein Fernwärmenetz an Wohnungen, Gewerbebetriebe und kommunale Gebäude verteilt.

Eine Untersuchung aus den 2000er-Jahren nennt rund 280 versorgte Wohnungen, 15 Gewerbebetriebe sowie öffentliche Gebäude. Der jährliche Strohbedarf lag demnach bei etwa 2.500 bis 3.000 Tonnen. Verfeuert wurden Strohballen mit einem Gewicht von rund 500 Kilogramm.

Die benötigte Biomasse konnte aus dem landwirtschaftlichen Umfeld der Stadt bezogen werden. Dadurch entstand für Stroh neben der Nutzung im Betrieb eine weitere Absatzmöglichkeit als Energieträger.

Millionenförderung für das erste deutsche Strohheizwerk

Das Vorhaben war für damalige Verhältnisse technisch und finanziell aufwendig. Die Investitionskosten wurden 1993 mit rund 8,6 Millionen DM angegeben. Davon übernahm die Deutsche Bundesstiftung Umwelt rund 6,6 Millionen DM.

Vor der geplanten Inbetriebnahme berichtete die Nachrichtenagentur epd im Juli 1993 über das Modellprojekt. Ziel war es unter anderem, die damals in ostdeutschen Heizanlagen noch verbreitete Braunkohle durch Stroh zu ersetzen.

Auch die Umweltwirkungen der neuen Feuerung wurden wissenschaftlich untersucht. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt dokumentiert Forschungsprojekte der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt Thüringen. Untersucht wurden unter anderem Emissionen sowie die bei der Strohverbrennung entstehenden Reststoffe.

Technik kam nach dänischem Vorbild

Bei der Strohverbrennung konnte Deutschland Anfang der 1990er-Jahre kaum auf eigene Erfahrungen mit Anlagen dieser Größenordnung zurückgreifen. Die Technik des Schkölener Heizwerks orientierte sich deshalb an dänischen Anlagen.

Auch der Ausschuss der Regionen der Europäischen Union beschäftigte sich später mit dem Projekt. In einer Stellungnahme wurde beschrieben, dass die technische Ausstattung des Strohheizwerks und die Wärmeübergabestationen zunächst aus Dänemark kamen. Die Installation übernahmen dagegen regionale Handwerksunternehmen.

Das Projekt hatte damit auch einen regionalwirtschaftlichen Ansatz. Landwirtschaftliche Betriebe lieferten den Brennstoff, Handwerksbetriebe waren an Installation und Wartung beteiligt und die erzeugte Energie wurde direkt vor Ort genutzt.

Strohfeuerung erwies sich langfristig als schwierig

Der Pioniercharakter der Anlage bedeutete allerdings nicht, dass sich das Konzept wirtschaftlich dauerhaft durchsetzen konnte. Nach Angaben des heutigen Betreibers war es schwierig, mit den damals niedrigen Heizölpreisen zu konkurrieren.

Im Oktober 2000 wurde die Anlage privatisiert und von der neu gegründeten BKS Bio-Kraftwerk Schkölen GmbH übernommen.

Hinzu kamen technische Schwierigkeiten. Eine dpa-Meldung aus dem Jahr 2006 berichtete von Problemen mit Elektronik und Steuerung sowie wiederholten Ausfallzeiten. Auch die Versorgung mit ausreichend preisgünstigem Stroh erwies sich nach Angaben des damaligen Betreibers als wirtschaftliches Problem.

Die Strohfeuerung wurde schließlich aufgegeben. 2006 entstand am Standort ein neues Biomasseheizkraftwerk, das statt Stroh naturbelassenes Holz aus Wald- und Landschaftspflege nutzt.

Vom Strohheizwerk zum Biomasseheizkraftwerk

Die Strohfeuerung in Schkölen blieb rund zwölf Jahre in Betrieb. Ende 2005 wurde sie eingestellt. Neben technischen Problemen spielte dabei die Wirtschaftlichkeit eine Rolle: Beschaffung, Lagerung und Transport der jährlich benötigten Strohmengen erwiesen sich auf Dauer als aufwendig. Bereits im Oktober 2000 war die Anlage privatisiert und von der BKS Bio-Kraftwerk Schkölen GmbH übernommen worden.

Am Standort entstand anschließend ein Biomasseheizkraftwerk, das seit 2006 mit naturbelassenem Waldrestholz und Holz aus der Landschaftspflege betrieben wird. Anders als das ursprüngliche Strohheizwerk erzeugt die modernisierte Anlage über Kraft-Wärme-Kopplung sowohl Wärme als auch Strom.

Das in den 1990er-Jahren aufgebaute Wärmenetz wird weiterhin genutzt. Die Fernwärmeversorgung Schkölen (BFS) betreibt das Netz und versorgt angeschlossene Abnehmer mit der im Biomasseheizkraftwerk erzeugten Wärme. Nach Betreiberangaben kann die Anlage zudem rechnerisch elektrische Energie für bis zu 16.000 Haushalte erzeugen.

Damit endete die energetische Nutzung von Stroh am Standort zwar nach gut einem Jahrzehnt. Die 1993 aufgebaute Infrastruktur für eine lokale Wärmeversorgung auf Basis von Biomasse blieb jedoch erhalten und wurde auf einen anderen biogenen Brennstoff umgestellt.

Emlichheim folgte 20 Jahre später

Trotz des Projekts in Schkölen wird auch das Bioenergiekraftwerk Emsland im niedersächsischen Emlichheim häufig als erstes Strohheizkraftwerk Deutschlands bezeichnet. Beide Angaben beziehen sich jedoch auf unterschiedliche Anlagentypen und Größenordnungen.

Schkölen war bereits 1993 das erste Strohheizwerk Deutschlands. Dort wurde Stroh vor allem zur Fernwärmeerzeugung eingesetzt.

Das BEKW Bioenergiekraftwerk Emsland nahm dagegen 2013 den Betrieb auf und nutzt Stroh in wesentlich größerem Maßstab zur gekoppelten Erzeugung von Strom und Wärme. Das Bundesumweltministerium bezeichnet das BEKW als erstes mit Stroh befeuertes Heizkraftwerk Deutschlands mit einer Feuerungswärmeleistung von 49,8 MW und einem hocheffizienten Wärmekonzept.

Rund 75.000 Tonnen Stroh aus dem regionalen Getreideanbau waren ursprünglich als jährlicher Brennstoffbedarf vorgesehen. Das Material sollte im Durchschnitt aus einem Umkreis von etwa 60 Kilometern kommen.

Ein wesentlicher Unterschied zum früheren Projekt in Schkölen ist die Kraft-Wärme-Kopplung. Das BEKW erzeugt elektrische Energie und nutzt gleichzeitig die bei der Stromproduktion entstehende Wärme. Ein großer Teil davon dient als Prozesswärme für die benachbarte Emsland-Stärke. Weitere Wärme wird über ein Nahwärmenetz genutzt.

Nach Angaben des Betreibers erreicht die Anlage dadurch einen Energienutzungsgrad von bis zu 90 Prozent.

Stroh stellt besondere Anforderungen an Kraftwerke

Die Verbrennung von Stroh ist technisch anspruchsvoller als die Nutzung vieler anderer fester Biomassen. Seine chemische Zusammensetzung kann unter anderem Ablagerungen, Korrosion und Verschlackung in Feuerungsanlagen begünstigen.

Beim Kraftwerk in Emlichheim wurden deshalb spezielle technische Lösungen eingesetzt. Dazu gehören ein wassergekühlter Vibrationsrost, angepasste Überhitzer und eine auf den Brennstoff abgestimmte Kesselsteuerung.

Die beiden Anlagen in Schkölen und Emlichheim markieren damit unterschiedliche Phasen der energetischen Strohnutzung in Deutschland. Schkölen zeigte bereits 1993, dass sich Getreidestroh zur kommunalen Wärmeversorgung einsetzen lässt. Zwei Jahrzehnte später übertrug das Kraftwerk in Emlichheim das Prinzip auf eine wesentlich größere Anlage mit kombinierter Strom-, Prozesswärme- und Nahwärmeerzeugung.

Quellen