Seit dem 1. Mai 2026 ist das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay in Kraft. Das Abkommen schafft eine der größten Freihandelszonen der Welt mit über 700 Millionen Einwohnern. Während einige Kritiker befürchten, dass es zu einer Flut von Rindfleischimporten aus Südamerika kommen könnte, bleiben viele Experten gelassen.
Neue Importquoten und Zollsätze
Im Bereich des Rindfleischhandels sieht das Abkommen die Einführung zweier neuer Kontingente vor, die insgesamt 99.000 Tonnen Schlachtkörperäquivalent umfassen. Diese Menge entspricht etwa 76.000 Tonnen tatsächlich importiertem, knochenlosem Fleischgewicht. Die Einfuhr dieser Kontingente erfolgt schrittweise bis zum Jahr 2031 mit einem Präferenzzollsatz von 7,5%. Außerhalb dieser Kontingente bleiben die regulären Zölle bestehen.
Zusätzlich wird der bisherige Zollsatz für die sogenannte Hilton-Quote von 45.000 Tonnen Qualitätsrindfleisch aus den Mercosurstaaten auf null gesenkt. Eine Schutzklausel ermöglicht es der EU, diese Erleichterungen auszusetzen, wenn die Importe über einen dreijährigen Durchschnitt um mehr als 5% steigen.
Marktreaktionen und Experteneinschätzungen
Laut Matthias Klahsen von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen entsprechen die neuen Importmengen umgerechnet etwa 200 Gramm Rindfleisch pro EU-Einwohner und Jahr. Tobias Fier vom Verband der Fleischwirtschaft (VDF) rechnet nur mit minimalen Marktveränderungen und verweist darauf, dass die neuen Kontingente zunächst bestehende Importe ersetzen könnten.
Egbert Klokkers von Dawn Meats sieht ebenfalls keinen Grund zur Besorgnis und bezeichnet die Diskussion als übertrieben. Die Einfuhren aus Südamerika seien bereits stabil gewesen und hätten im Vorjahr aufgrund eines knappen Angebots in Europa zugenommen.
Herkunft und Qualitätsvorstellungen
Klokkers differenziert nach Herkunftsländern: Während brasilianisches oder paraguayisches Fleisch in Europa weniger gefragt sei, genieße argentinisches Rindfleisch insbesondere im Gastronomiebereich einen hohen Ruf aufgrund seiner Qualität.
Tiekmann von Tönnies weist auf Vorteile des langen Transports hin: Das Fleisch sei durchgereift und damit besonders zart. Für Hackfleisch sei südamerikanischer Rohstoff jedoch ungeeignet, da die deutsche Hackfleischverordnung kürzere Verarbeitungszeiten vorschreibt.
Regionale Präferenzen im Handel
Im Lebensmitteleinzelhandel setzen große Ketten wie Edeka Südwest vermehrt auf regionale Produkte. Jürgen Mäder von Edeka betont den geringen Anteil südamerikanischen Rindfleischs in seinem Sortiment und hebt die Bedeutung regionaler Herkunft hervor.
Christopher Rengstorf von Westfleisch fordert mehr Transparenz für Verbraucher durch klare Herkunftskennzeichnungen. Auch Fier vom VDF plädiert für eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit durch weniger bürokratische Hürden anstatt zusätzlicher Auflagen.
Zukünftige Entwicklungen im internationalen Handel
Neben dem Mercosur-Abkommen hat die EU auch ein Freihandelsabkommen mit Australien abgeschlossen, das ab 2027 gelten soll. Dieses umfasst weitere Importkontingente zu zollfreien Bedingungen, was den globalen Wettbewerb weiter beeinflussen könnte.
Insgesamt scheint sich der Markt zunächst stabil zu entwickeln, ohne dass europäische Erzeuger unmittelbar benachteiligt würden. Die langfristigen Auswirkungen werden jedoch weiterhin beobachtet werden müssen.
