In Belgien wurde jüngst ein innovatives RNAi-basiertes Pflanzenschutzmittel für den Einsatz in der Landwirtschaft zugelassen, wenn auch nur temporär. Diese neue Technologie wird als mögliche Lösung für die Herausforderungen im Pflanzenschutz betrachtet, insbesondere angesichts zunehmender Resistenzen und des Wegfalls traditioneller Wirkstoffe.
Erste Zulassung in Europa: Ein Schritt nach vorne
Das Insektizid Calantha, das auf einem dsRNA-Wirkstoff namens Ledprona basiert, erhielt in Belgien eine Notfallzulassung. Seit dem 1. Mai dürfen belgische Landwirte das Produkt gegen den Kartoffelkäfer einsetzen. Diese Zulassung ist auf 120 Tage begrenzt. Während das Mittel in den USA bereits seit 2023 zugelassen ist, wartet es in Europa noch auf die endgültige Genehmigung durch die EFSA. Kartoffelanbauer außerhalb Belgiens müssen sich daher noch gedulden.
Die Funktionsweise von RNAi
RNA-Interferenz ist ein natürlicher biologischer Prozess, der die Genexpression kontrolliert und somit die Produktion bestimmter Proteine hemmt – ein Mechanismus, der auch zur Virusabwehr dient. RNAi-basierte Mittel nutzen diesen Mechanismus, um lebenswichtige Gene in Schädlingen zu deaktivieren, was deren Tod zur Folge hat. Durch die spezifische Ausrichtung auf bestimmte Schädlinge wie den Kartoffelkäfer werden nützliche Insekten geschont.
Österreichische Feldversuche zeigen Wirkung
In Österreich wurden bereits Feldversuche mit Calantha durchgeführt. Die Raiffeisen Ware Austria AG (RWA) testete das Mittel zusammen mit dem Hersteller und der Landwirtschaftlichen Fachschule Hollabrunn gegen den Kartoffelkäfer. Laut Markus Freudhofmaier von der biohelp GmbH, einer RWA-Tochter, konnte eine deutliche Reduktion der Fraßschäden beobachtet werden. Der Blattverlust konnte durch dreimalige Anwendung um 87 % gesenkt werden, obwohl die Wirkung langsamer einsetzte als bei herkömmlichen Mitteln.
Freudhofmaier erklärt weiter, dass die Verzögerung mit dem spezifischen Gen zusammenhängt, das deaktiviert werden soll; bei anderen Produkten kann die Wirkung schneller eintreten.
Zukunftsperspektiven und Herausforderungen
Laut Freudhofmaier wird an weiteren dsRNA-Wirkstoffen geforscht, sowohl im Insektizidbereich gegen Schädlinge wie Rübenderbrüssler und Maiswurzelbohrer als auch im Fungizidbereich gegen Krankheiten wie Phytophtora und Botrytis. Neben dem klassischen Pflanzenschutz könnte dsRNA auch als Biostimulanz eingesetzt werden, um Erträge zu steigern oder Trockenstresstoleranzen zu verbessern.
Trotz des enormen Potenzials gibt es Herausforderungen: Die geringe Umweltbeständigkeit von dsRNA und ihre limitierte Aufnahme durch einige Arten können den Einsatz aktuell noch einschränken.
