Die ukrainische Justiz hat erstmals die Beteiligung eines Schiffskapitäns am Abtransport mutmaßlich gestohlenen Getreides als Kriegsverbrechen eingestuft. Der Kapitän des russischen Frachters MATROS POZYNICH soll mehr als 54.000 Tonnen ukrainischen Weizen über die besetzte Krim nach Syrien transportiert und dabei die Herkunft der Ladung verschleiert haben.
Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen den Kapitän des russischen Massengutfrachters MATROS POZYNICH wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen eingeleitet. Ihm wird vorgeworfen, am illegalen Abtransport ukrainischen Getreides aus den von Russland besetzten Gebieten beteiligt gewesen zu sein.
Nach Angaben des amtierenden Generalstaatsanwalts Anton Kowalskyj handelt es sich um den ersten Fall in der Ukraine, bei dem die Beteiligung eines Schiffskapitäns am Transport mutmaßlich gestohlenen Getreides strafrechtlich als Kriegsverbrechen eingestuft wird.
Die Ermittlungen wurden gemeinsam mit dem ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU und internationalen Experten geführt. Die Behörden wollen damit auch Personen strafrechtlich verfolgen, die nicht unmittelbar an der Beschlagnahmung landwirtschaftlicher Erzeugnisse beteiligt waren, deren Abtransport aber wissentlich ermöglichten.
Zwei Schiffsladungen mit 54.300 Tonnen Weizen nach Syrien
Nach bisherigen Ermittlungsergebnissen lief die MATROS POZYNICH im November 2022 und Januar 2023 zweimal den Hafen von Sewastopol auf der besetzten Halbinsel Krim an. Der Hafen war von der Ukraine für den internationalen Schiffsverkehr geschlossen worden.
Bei beiden Fahrten soll der Frachter insgesamt rund 54.300 Tonnen ukrainischen Weizen geladen haben. Die erste Lieferung umfasste etwa 27.000 Tonnen, die zweite weitere 27.300 Tonnen.
Das Getreide stammte nach Darstellung der ukrainischen Ermittler aus Gebieten, die russische Truppen nach Beginn der großangelegten Invasion im Februar 2022 besetzt hatten. Dort soll es von russischen Stellen rechtswidrig beschlagnahmt worden sein.
Anschließend transportierte das Schiff die Ladungen nach Latakia in Syrien. Dabei wurde der Weizen nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft als Ware russischer Herkunft deklariert.
Kapitän soll Schiffspositionen manipuliert haben
Um die tatsächlichen Transportwege zu verbergen, soll der Kapitän wiederholt das automatische Schiffsidentifikationssystem AIS abgeschaltet haben.
Das System übermittelt normalerweise unter anderem Position, Kurs und Geschwindigkeit eines Schiffes. Die Signale dienen der Verkehrssicherheit und ermöglichen zugleich die Nachverfolgung von Schiffsbewegungen.
Nach Darstellung der ukrainischen Behörden beschränkte sich der Kapitän nicht auf das zeitweise Abschalten des AIS-Systems. Er soll zusätzlich falsche Angaben über den Aufenthaltsort des Frachters übermittelt haben.
Die Ermittler werten dieses Vorgehen als Versuch, die Anläufe im Hafen von Sewastopol und die tatsächliche Herkunft des transportierten Weizens zu verschleiern.
Getreidetransporte erstmals als Beteiligung an Kriegsverbrechen verfolgt
Die ukrainische Justiz verfolgt mit dem Verfahren einen neuen strafrechtlichen Ansatz. Bislang richteten sich entsprechende Ermittlungen vor allem gegen Personen, die an der unrechtmäßigen Beschlagnahmung von Getreide in besetzten Gebieten beteiligt gewesen sein sollen.
Künftig sollen nach Auffassung der Generalstaatsanwaltschaft auch Personen zur Verantwortung gezogen werden können, die wissentlich am Transport oder an der Verschleierung der Herkunft solcher Waren mitwirken.
Für eine strafrechtliche Verfolgung müsse nachgewiesen werden, woher das Getreide stammt, unter welchen Umständen es beschlagnahmt wurde und welche Rolle einzelne Beteiligte beim anschließenden Transport spielten.
Der Kapitän steht deshalb unter dem Verdacht, gegen die Gesetze und Gebräuche des Krieges sowie gegen ukrainische Vorschriften zur Ein- und Ausreise in die besetzten Gebiete verstoßen zu haben.
Eine gerichtliche Verurteilung liegt bislang nicht vor.
Russischer Getreidefrachter steht bereits auf Sanktionslisten
Die MATROS POZYNICH ist den ukrainischen Behörden bereits seit Längerem bekannt. Der unter russischer Flagge fahrende Massengutfrachter mit der IMO-Nummer 9573816 wird vom ukrainischen Militärnachrichtendienst mit Getreidetransporten aus besetzten Gebieten in Verbindung gebracht.
Das Schiff wurde im November 2025 auf die ukrainische Sanktionsliste gesetzt. Im Dezember 2025 folgten Sanktionen der Europäischen Union. Auch die Schweiz und Kanada haben den Frachter mittlerweile mit Sanktionen belegt.
Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den Kapitän gehen über diese Maßnahmen hinaus. Die ukrainischen Behörden wollen damit die persönliche Verantwortung für die Beteiligung am Abtransport beschlagnahmter landwirtschaftlicher Erzeugnisse klären.
Quellen:
- Ukrainische Generalstaatsanwaltschaft: Verdacht auf Kriegsverbrechen wegen des Transports von mehr als 54.000 Tonnen ukrainischen Getreides, Oktober 2026
- Ukrainischer Militärnachrichtendienst: Schiffsdaten und Sanktionen gegen MATROS POZYNICH
