Biogas aus Schweinemist, Solarstrom vom Stalldach und Batteriespeicher für Zeiten mit hohem Energiebedarf: Einige deutsche Landwirtschaftsbetriebe haben ihre Energieversorgung bereits weitgehend in die eigene Hand genommen. Der Schweinemastbetrieb Sandering in Niedersachsen deckt seinen Wärmebedarf vollständig selbst und erzeugt einen großen Teil seines Stroms auf dem Hof. Die Agrargenossenschaft Kitzen in Sachsen geht noch weiter. Sie kann nach eigenen Angaben unabhängig vom öffentlichen Stromnetz wirtschaften.

Die Beispiele zeigen, wie sich Tierhaltung und Energieerzeugung miteinander verbinden lassen. Dabei geht es längst nicht mehr allein um zusätzliche Einnahmen aus erneuerbaren Energien. Eigener Strom und eigene Wärme können die laufenden Betriebskosten senken und die Abhängigkeit von externen Energieversorgern verringern.
Hof Sandering: Schweinemast und Energieerzeugung im Kreislauf
Auf dem Hof von Dirk und Anne Sandering im niedersächsischen Hemsloh stehen rund 4.000 Schweinemastplätze zur Verfügung. Davon entfallen 2.400 Plätze auf eine neue Stallanlage, die 2023 in Betrieb genommen wurde. Weitere rund 1.600 Mastplätze befinden sich in einem älteren Stall.
Bei der Planung der neuen Gebäude berücksichtigte der Betrieb von Anfang an die Energieversorgung. Die vier Stallabschnitte verfügen über große Dachflächen für Photovoltaik. Gleichzeitig liefert die Schweinehaltung den Rohstoff für eine eigene Biogasanlage.
Die neuen Ställe arbeiten mit Stroheinstreu. Ein automatisches System verteilt das Stroh täglich in den Buchten. Nach jedem Mastdurchgang wird der Mist entfernt und anschließend in der Biogasanlage vergoren.
Das Stroh stammt aus dem eigenen Ackerbau. Die Gärreste aus der Biogasproduktion gelangen als organischer Dünger zurück auf die Felder. So nutzt der Betrieb einen Teil seiner landwirtschaftlichen Rohstoffe mehrfach.
Biogasanlage mit 99 kW und 600-kW-Photovoltaikanlage
Das Energiekonzept des Hofes umfasst eine Biogasanlage mit einem Blockheizkraftwerk von 99 kW elektrischer Leistung. Sie verarbeitet Gülle und Mist aus der Tierhaltung zu Biogas. Bei dessen Nutzung im BHKW entstehen Strom und Wärme.
Die Wärme wird unter anderem für die Versorgung der Schweineställe eingesetzt. Überschüssige Wärme lässt sich in einem Pufferspeicher zwischenspeichern und später nutzen.
Auch ein Batteriespeicher gehört zur Anlage. Er nimmt selbst erzeugten Strom auf und stellt ihn bei Bedarf zur Verfügung. Gerade bei schwankender Solarstromproduktion oder kurzfristig hohem Verbrauch kann der Betrieb dadurch mehr seiner selbst erzeugten Energie nutzen.
Die Photovoltaikanlage auf den Stallgebäuden erreicht nach den veröffentlichten Projektdaten eine Leistung von rund 600 kW. Die Modulflächen erstrecken sich über etwa 4.000 Quadratmeter.
Windkraft nutzt die Familie Sandering bereits seit 1993. Strom aus der Windkraftanlage und der Biogasanlage wird teilweise in das öffentliche Netz eingespeist.
Wärmeversorgung zu 100 Prozent aus eigener Erzeugung
Nach Angaben des Betriebes ist die Wärmeversorgung bereits vollständig eigenständig. Die Photovoltaik deckt je nach veröffentlichter Angabe rund 60 bis 65 Prozent des jährlichen Strombedarfs.
Dieser liegt laut einer Reportage der Wochenzeitung Die Zeit bei etwa 850.000 kWh. Strom wird auf dem Hof nicht allein für die Tierhaltung benötigt. Auch der Ackerbau und die Lagerung der Kartoffelernte tragen zum Verbrauch bei. Große Lüftungsanlagen halten die eingelagerten Kartoffeln in einem geeigneten Zustand.
Der Hof Sandering ist damit bei der Wärmeversorgung autark, beim Strom jedoch noch nicht vollständig unabhängig vom öffentlichen Netz.
Für die neue Stallanlage, die Biogastechnik und die zugehörige Energieinfrastruktur investierte die Familie nach eigenen Angaben einen mittleren einstelligen Millionenbetrag. Die Investition umfasste allerdings auch den Stallbau und die Umstellung der Haltungsbedingungen. Eine gesonderte Wirtschaftlichkeitsrechnung für die Energieanlagen liegt öffentlich nicht vor.
Agrarprodukte Kitzen: Landwirtschaft ohne Netzstrom möglich
Einen anderen Ansatz verfolgt die Agrarprodukte Kitzen e. G. im sächsischen Pegau. Die Genossenschaft betreibt neben Ackerbau und Lohnarbeiten auch Milchviehhaltung, Ferkelerzeugung und Schweinemast.
Ihr Energiekonzept kombiniert Biogas, Photovoltaik, Batteriespeicherung und die Nutzung von Abwärme.
Nach einem im August 2026 veröffentlichten Bericht der DLG-Mitteilungen ist der Betrieb technisch in der Lage, unabhängig vom öffentlichen Stromnetz zu wirtschaften.
Die Stromerzeugung erfolgt unter anderem über zwei Blockheizkraftwerke, die in ehemaligen Überseecontainern untergebracht sind. Ergänzt werden sie durch Photovoltaikanlagen und einen Batteriespeicher.
Dieser verfügt über eine Speicherkapazität von 600 kWh und eine Leistung von 400 kW. Der Speicher kann damit beispielsweise eine elektrische Last von 400 kW rechnerisch etwa eineinhalb Stunden versorgen. Wie lange er den gesamten Betrieb tatsächlich versorgen könnte, hängt vom jeweiligen Strombedarf und der gleichzeitig verfügbaren Eigenerzeugung ab.
Die Kombination aus regelbarer Stromerzeugung und Batteriespeicher ermöglicht es, Stromangebot und Verbrauch besser aufeinander abzustimmen.
Abwärme und Milchkühlung in das Energiesystem integriert
In Kitzen wird auch die bei der Stromerzeugung entstehende Wärme genutzt. Sie dient unter anderem dazu, Wasser für die Reinigung der Melkanlage vorzuwärmen.
Das Wasser wird zunächst auf etwa 60 bis 80 Grad Celsius erwärmt und anschließend mit betriebseigenem Strom auf die benötigten 100 Grad gebracht.
Zur Energieversorgung gehört außerdem eine Milchkühlung mit Eisspeicher. Dabei wird Kälte zwischengespeichert, die später für die Kühlung der Milch zur Verfügung steht. Auf diese Weise lässt sich ein Teil des Strombedarfs zeitlich verschieben.
Allein der Milchviehbereich benötigt nach Angaben des Betriebs rund 2.000 kWh Strom pro Tag. Die Energieversorgung muss deshalb erhebliche Verbrauchsmengen bewältigen und gleichzeitig die unterschiedlichen Anforderungen der Betriebszweige berücksichtigen.
Der Batteriespeicher übernimmt dabei eine andere Aufgabe als die Biogasanlage. Während die BHKW kontinuierlich oder bedarfsgerecht Strom erzeugen können, gleicht der Speicher kurzfristige Unterschiede zwischen Erzeugung und Verbrauch aus.
Stromautarkie ist nicht gleich Versorgungssicherheit bei Stromausfall
Die beiden Praxisbeispiele verdeutlichen einen wichtigen Unterschied. Ein hoher Eigenstromanteil bedeutet noch nicht, dass ein Landwirtschaftsbetrieb bei einem Netzausfall uneingeschränkt weiterarbeiten kann.
Dafür muss die elektrische Anlage auch im Inselbetrieb funktionieren. Sie benötigt unter anderem eine geeignete Netztrennung, eine stabile Spannungs- und Frequenzregelung sowie ausreichend Erzeugungs- und Speicherleistung für die versorgten Verbraucher.
Gerade in der Schweinehaltung ist das von Bedeutung. Je nach Haltungssystem müssen Lüftung, Wasserversorgung, Fütterung und weitere technische Einrichtungen auch bei einem Stromausfall weiterlaufen. Bei zwangsbelüfteten Ställen kann der Ausfall der Lüftung innerhalb kurzer Zeit erhebliche Risiken für die Tiere verursachen.
Für den Hof Sandering ist eine vollständige Stromnetzunabhängigkeit bislang nicht dokumentiert. Bei Agrarprodukte Kitzen wird die Fähigkeit zum netzunabhängigen Betrieb dagegen ausdrücklich beschrieben. Angaben darüber, wie lange der gesamte Betrieb bei einem länger andauernden externen Stromausfall ohne Einschränkungen versorgt werden könnte, sind im veröffentlichten Fachbericht nicht ausgewiesen.
Wann sich eigene Energieanlagen für Schweinehalter rechnen
Die Wirtschaftlichkeit solcher Anlagen hängt stark von den betrieblichen Voraussetzungen ab. Wer bereits über eine Biogasanlage verfügt, kann durch die bessere Nutzung der Abwärme und zusätzliche Speicher andere Investitionsbedingungen haben als ein Betrieb, der seine gesamte Energieversorgung neu aufbauen muss.
Bei Schweinehaltern kommen mehrere Faktoren hinzu. Mist und Gülle stehen als mögliche Substrate für die Biogaserzeugung zur Verfügung. Stallgebäude bieten Dachflächen für Photovoltaik, während Fütterungs- und Lüftungstechnik regelmäßig Strom verbrauchen.
Ob sich eine Investition rechnet, hängt jedoch nicht allein von der installierten Leistung ab. Entscheidend sind auch die zeitliche Verteilung des Verbrauchs, Wartungs- und Finanzierungskosten, mögliche Erlöse aus der Stromeinspeisung und die Nutzung der anfallenden Wärme.
Ein Batteriespeicher kann den Eigenverbrauch erhöhen und Lastspitzen abdecken. Ob er auch für eine Notstromversorgung eingesetzt werden kann, muss bei der technischen Auslegung gesondert berücksichtigt werden.
Für die Betriebe Sandering und Kitzen liegen öffentlich keine vollständigen, vergleichbaren Angaben zu Stromgestehungskosten und Amortisationszeiten der jeweiligen Energiesysteme vor. Die wirtschaftlichen Vorteile lassen sich deshalb nicht auf einen allgemeinen Einsparbetrag je Schweinemastplatz reduzieren.
Welche Rolle die Energieversorgung bei künftigen Stallinvestitionen spielt
Beim Hof Sandering wurde die Energieversorgung bereits in die Planung der neuen Ställe einbezogen. Der Betreiber stimmte die bauliche Gestaltung und die Energieerzeugung aufeinander ab, statt die Technik erst nachträglich zu ergänzen.
Bei Agrarprodukte Kitzen zeigt sich, wie sich bestehende Erzeugungsanlagen durch Speicher und die gezielte Nutzung von Wärme und Kälte zu einem umfassenderen Energiesystem verbinden lassen.
Beide Konzepte benötigen jedoch eine auf den jeweiligen Betrieb zugeschnittene Planung. Für Schweinehalter, die künftig neue Stallgebäude errichten oder bestehende Anlagen modernisieren, lohnt sich deshalb eine gemeinsame Betrachtung von Energieverbrauch, Eigenstromerzeugung und Wärmebedarf.
Dirk Sandering plant nach eigenen Angaben, die Energieversorgung seines Hofes weiterzuentwickeln. Auch die Ferkelaufzucht möchte die Familie künftig stärker in den betrieblichen Kreislauf einbinden. Ob zusätzliche Investitionen folgen, hängt nach Aussage des Landwirts insbesondere von langfristig verlässlichen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ab.
Quellen:
- Hof Sandering – Strohstall mit Energiekonzept
- Landvolk Niedersachsen – Dirk Sandering: Macher mit Mut zum Risiko
- bwe Energiesysteme – Biogasanlage, Batteriespeicher und Wärmespeicher
- DLG-Mitteilungen – 100 Prozent Eigenstrom, 20. August 2026
- Hof Sandering – Umwelt und Nachhaltigkeit
