Die Ukraine könnte ihre Getreideexporte über die Schwarzmeerhäfen im Jahr 2027 wieder aufnehmen. Die ukrainische Investmentgesellschaft Dragon Capital hält eine diplomatische Vereinbarung nach dem Vorbild des Getreidekorridors von 2022 und 2023 für möglich. Voraussetzung wäre eine gesonderte Einigung über den Seetransport von Getreide. Das geht aus der aktualisierten Wirtschaftsprognose des Unternehmens vom 8. Oktober hervor.
Seit Juli 2026 haben verstärkte russische Angriffe auf die ukrainische Hafeninfrastruktur den Schiffsverkehr im Schwarzen Meer nahezu vollständig zum Erliegen gebracht. Dadurch sind die Getreideausfuhren erheblich eingeschränkt. Die Folgen reichen inzwischen weit über den Agrarsektor hinaus.
Blockade der Schwarzmeerhäfen belastet ukrainische Wirtschaft
Nach Berechnungen von Dragon Capital könnte die Unterbrechung des Seeverkehrs das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Ukraine um 2,2 Prozent verringern. Dabei berücksichtigen die Analysten bereits, dass ein Teil der Agrarprodukte über alternative Transportwege ausgeführt wird.
Eine wichtige Rolle spielen dabei die Donauhäfen, über die ukrainische Exporteure einen Teil ihrer Lieferungen abwickeln können. Die Ausweichrouten reichen nach Einschätzung von Dragon Capital jedoch nicht aus, um die wirtschaftlichen Folgen der weitgehend blockierten Schwarzmeerhäfen vollständig auszugleichen.
Betroffen sind neben Getreide auch andere wichtige Exportgüter wie Stahl und Eisenerz.
Wiederaufnahme der Getreideexporte könnte BIP-Verluste begrenzen
Sollte der Seetransport von Getreide noch vor Beginn der Frühjahrsaussaat 2027 wieder möglich sein, könnten die wirtschaftlichen Schäden nach Angaben von Dragon Capital deutlich geringer ausfallen.
In diesem Fall würde sich der geschätzte negative Effekt der Hafenblockade auf das ukrainische BIP um 1,5 Prozentpunkte verringern. Statt 2,2 Prozent würde die Wirtschaftsleistung demnach nur um 0,7 Prozent belastet.
Die Analysten halten eine eigenständige diplomatische Vereinbarung über Getreidetransporte für denkbar. Als mögliches Vorbild nennen sie die internationale Schwarzmeer-Getreideinitiative, die zwischen 2022 und 2023 ukrainische Agrarausfuhren auf dem Seeweg ermöglichte.
Eine umfassendere Vereinbarung, die neben dem Schiffsverkehr auch andere Bereiche wie einen gegenseitigen Verzicht auf Angriffe gegen Energieanlagen einschließt, bewertet Dragon Capital dagegen als unwahrscheinlich.
Handelsdefizit der Ukraine könnte auf 71 Milliarden Dollar steigen
Die eingeschränkten Exportmöglichkeiten verschlechtern auch die ukrainische Außenhandelsbilanz. Für 2026 erwartet Dragon Capital ein Rekorddefizit von 71 Milliarden US-Dollar. Dies entspräche rund 31 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Zu den wesentlichen Ursachen zählen die geringeren Ausfuhren von Getreide, Stahl und Eisenerz infolge der gestörten Hafenlogistik.
Angesichts der verschlechterten Exportbedingungen hat die Investmentgesellschaft ihre gesamtwirtschaftlichen Erwartungen deutlich zurückgenommen. Statt des bisher prognostizierten Wirtschaftswachstums von 1,5 Prozent rechnet Dragon Capital für 2026 inzwischen mit einem Rückgang des realen BIP um 0,5 Prozent.
Auch für 2027 erwarten die Analysten keine wirtschaftliche Erholung. Nach ihrer aktuellen Prognose könnte die ukrainische Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr um weitere 1 Prozent schrumpfen.
Die mögliche Wiederöffnung eines Getreidekorridors ist damit Bestandteil der wirtschaftlichen Erwartungen für 2027. Eine entsprechende diplomatische Vereinbarung besteht bislang jedoch nicht.
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