Die Umsetzung der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (W-VO) sorgt in der Landwirtschaft für erhebliche Unsicherheiten. Fragen nach dem Umfang der betroffenen Flächen und möglichen Verschärfungen der Vorgaben stehen im Raum. Doch auch die Finanzierungsmodelle werfen Bedenken auf: Sind die Fördermittel ausreichend, um Einkommensverluste angemessen auszugleichen? Der Wissenschaftliche Beirat für Biodiversität und Genetische Ressourcen (WBBGR) sowie der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) haben hierzu ein Gutachten erstellt, das Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer überreicht wurde. Das Gutachten beleuchtet sowohl Risiken als auch Chancen für landwirtschaftliche Betriebe.
Freiwilligkeit und finanzielle Absicherung
Die Experten betonen, dass die Umsetzung der Verordnung auf Freiwilligkeit basieren sollte. Dafür sei ein stabil finanziertes System erforderlich, das Landwirten die Sicherheit gibt, Ertragsrisiken einzugehen. In der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sollten klare Anreize geschaffen werden, die über den Ausgleich entgangener Gewinne hinausgehen und zusätzliches Einkommen ermöglichen. Langfristig wird ein verbindliches Mindestbudget für Umweltmaßnahmen gefordert, um Kürzungen bei Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen zu vermeiden.
Zielgerichtete Flächennutzung
Hinsichtlich der Flächenverteilung beruhigt das Gutachten einige Befürchtungen: Die Verordnung zielt vor allem auf extensives Grünland sowie weniger ertragreiche Standorte ab. Hochproduktive Ackerflächen sollen größtenteils durch Landschaftselemente und Randstreifen integriert werden. Besonders profitieren könnten Betriebe mit hohen ökologischen Leistungen wie Mutterkuh-, Schaf- und Ziegenhalter.
Ergebnisorientierte Prämien
Ein zentraler Aspekt ist die Ergebnishonorierung: Statt nur Bewirtschaftungsauflagen zu vergüten, sollen messbare Ergebnisse wie artenreiche Wiesen honoriert werden. Dies könnte zu höheren Hektarzahlungen führen. Eine differenzierte Förderung mit regionalisierten Prämienhöhen ist ebenfalls notwendig, um eine extensive Nutzung wirtschaftlich attraktiv zu halten.
Moorwiedervernässung als Chance?
Die Wiedervernässung von Moorböden ist unter Landwirten besonders umstritten. Geplant ist eine Wiederherstellung von 30 Prozent bis 2030, was Investitionen und Einkommenseinbußen bedeutet. Das Gutachten sieht jedoch Potenzial in diesem Bereich, sofern die finanzielle Unterstützung stimmt. Die PALU-Richtlinie könnte hier entscheidend sein.
Neue Märkte durch Biodiversität
Das Gutachten zeigt Perspektiven einer „Renaturierungswirtschaft“ auf: Neben klassischen Produkten könnten Landwirte Dienstleistungen und Spezialprodukte anbieten – etwa Weidefleisch oder Saatgut aus extensiven Anbauformen. Diese neuen Wertschöpfungsketten benötigen allerdings Anschubfinanzierung und marktwirtschaftliche Unterstützung.
Bürokratieabbau als Notwendigkeit
Ein großes Hindernis sehen die Experten in der Bürokratie der Agrarumweltförderung. Komplexe Anträge schrecken viele Betriebe ab. Eine bessere Verzahnung von Kontrollen und Beratung könnte helfen, Biodiversitätsmaßnahmen effizienter umzusetzen.
Letztlich stellen die Autoren fest: Die Wiederherstellung von Biodiversität kann eine langfristige Versicherung für landwirtschaftliche Betriebe darstellen. Intakte Ökosysteme könnten mittelfristig stabilere Erträge sichern und Abhängigkeiten von teuren Betriebsmitteln reduzieren.
