Der Wolf soll in Deutschland wieder gejagt werden dürfen. Am 23. Februar 2026 hat der Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat im Bundestag eine öffentliche Anhörung zum Gesetzentwurf der Bundesregierung abgehalten, der den Wolf als jagdbare Tierart ins Bundesjagdgesetz aufnehmen will. Der Hintergrund: Allein 2024 wurden bei rund 1.100 Übergriffen etwa 4.300 Nutztiere von Wölfen getötet oder verletzt. Die Kosten für Herdenschutz stiegen auf 23,4 Millionen Euro.
Von 40 Tieren auf 4.300 – wie die Risszahlen explodierten
Was vor 20 Jahren mit einem einzelnen Wolfspaar in der Oberlausitz begann, hat sich zu einem der brisantesten Konflikte der deutschen Agrarpolitik entwickelt. Im Jahr 2006 fielen gerade einmal 40 Nutztiere Wölfen zum Opfer. 2024 waren es nach Angaben des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) rund 4.300 – ein Anstieg, der Schaf- und Ziegenhalter in manchen Regionen an den Rand der Existenz bringt.
91 Prozent der gerissenen Tiere sind Schafe und Ziegen. Rinder machen knapp fünf Prozent aus, meist handelt es sich um Kälber in den ersten Lebenswochen. Das klingt nach einer Randnotiz für Rinderhalter – bis man mit Weidetierhaltern in Brandenburg oder Niedersachsen spricht. Dort, wo sich Wolfsrudel konzentrieren, sieht der Alltag anders aus.
276 Wolfsterritorien: Wo die Rudel leben
Deutschland zählt im Monitoringjahr 2024/25 insgesamt 276 Wolfsterritorien mit 219 Rudeln, 43 Paaren und 14 Einzeltieren. Die meisten Territorien liegen in Niedersachsen (63) und Brandenburg (60), gefolgt von Sachsen. Von dort aus breiten sich die Wölfe weiter nach Westen und Süden aus. In Baden-Württemberg wurde erstmals ein Rudel nachgewiesen, auch Schleswig-Holstein meldet Nachwuchs.
Interessant dabei: Der Zuwachs flacht ab. Erstmals seit der Rückkehr des Wolfs stagniert die Zahl der Territorien nahezu. Ob das an einer natürlichen Sättigung liegt oder an der steigenden Zahl von Verkehrstoten – 150 Wölfe starben 2024 auf Deutschlands Straßen – darüber streiten Biologen und Jagdverbände.
Was der Gesetzentwurf konkret vorsieht
Die Bundesregierung hat ihren Entwurf im Januar 2026 in den Bundestag eingebracht. Möglich wurde die Gesetzesänderung, weil die EU den Schutzstatus des Wolfs in der FFH-Richtlinie herabgestuft hat – von „streng geschützt“ auf „geschützt“. Die wichtigsten Punkte:
| Maßnahme | Details |
|---|---|
| Aufnahme ins Jagdrecht | Wolf wird als „grundsätzlich jagdbare Tierart“ ins Bundesjagdgesetz aufgenommen |
| Jagdzeit | 1. Juli bis 31. Oktober (in Regionen mit günstigem Erhaltungszustand) |
| Regionales Management | Bundesländer können eigene Managementpläne aufstellen |
| Problemwölfe | Erleichterte Entnahme von Wölfen, die Herdenschutz überwunden haben |
| Weidegebiete | Ausweisung von Zonen, in denen Herdenschutz nicht möglich ist |
Für die Umsetzung sind die 16 Bundesländer zuständig. Das Bundesjagdgesetz gibt lediglich den Rahmen vor.
Bauernverband drängt auf härtere Regelungen
Dem Deutschen Bauernverband (DBV) geht der Entwurf nicht weit genug. Generalsekretärin Stefanie Sabet forderte bei der Anhörung eine bundesweite Entnahmequote von 40 Prozent des jährlichen Wolfsnachwuchses. Außerdem müsse die Entnahme von Problemwölfen jederzeit möglich sein – unabhängig von Schonzeit, Erhaltungszustand oder Managementplänen.
„Die Landwirtschaft braucht beim Wolf endlich Rechtssicherheit statt unverbindlicher Absichtserklärungen“, sagte Sabet. Wenn die Politik jetzt nicht handle, werde die Weidewirtschaft in vielen Regionen schlicht verschwinden.
Ein Punkt, der in der Debatte oft untergeht: Der DBV will, dass bei robusten Tierarten wie Rindern und Pferden kein Herdenschutz als Voraussetzung für eine Wolfsentnahme gelten soll. Für Schafhalter mit 1,20-Meter-Elektrozäunen mag Herdenschutz machbar sein. Für Rinderhalter mit 200 Hektar Weideland in hügeligem Gelände sieht das anders aus.
Tierschützer sprechen von „Rollback beim Artenschutz“
Auf der anderen Seite des Konflikts stehen Naturschutzverbände, die den Gesetzentwurf scharf kritisieren. Der WWF nennt ihn „politisches Wunschdenken“ und verweist auf Studien, wonach eine anlasslose Bejagung die Risszahlen nicht senke – im Gegenteil sogar erhöhen könne, weil die soziale Struktur der Rudel zerstört werde.
Die Biologin Ilka Reinhardt, eine der profiliertesten Wolfsforscherinnen Deutschlands, zeigte sich bei der Anhörung „erschrocken“ über den Entwurf. Herdenschutz funktioniere nachweislich, betonte sie – man müsse die erfolgreichen Tierhalter fragen, wie sie das machen, statt pauschal auf Abschüsse zu setzen.
Auch die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht warnt: Die Aufnahme ins Jagdrecht ersetze die bisherige Einzelfallprüfung durch Behörden durch ein Nutzungsrecht von Privatpersonen. Das sei ein fundamentaler Systemwechsel, der weit über den Wolf hinausgehe.
Die Kostenfrage: Herdenschutz vs. Bejagung
23,4 Millionen Euro gab Deutschland 2024 für Herdenschutzmaßnahmen aus. Die Ausgleichszahlungen für tatsächliche Risse beliefen sich auf vergleichsweise bescheidene 780.000 Euro. Das Verhältnis zeigt: Der Großteil der Kosten entsteht nicht durch die Schäden selbst, sondern durch die Prävention.
Befürworter der Jagd argumentieren, dass diese Kosten mit zunehmendem Wolfsbestand weiter steigen werden und irgendwann nicht mehr tragbar seien. Naturschützer halten dagegen, dass eine systematische Wolfsjagd mit Monitoring, Verwaltung und Personal pro Wolf deutlich teurer komme als ein gut aufgestellter Herdenschutz.
Harte Zahlen, die beide Seiten überzeugen, gibt es bislang kaum. Was feststeht: In rund 40 Prozent der bestätigten Wolfsrisse in Sachsen waren die Weidetiere nicht einmal nach Mindeststandard geschützt. Das ist ein Befund, der beiden Seiten zu denken geben sollte.
16 Bundesländer – alle für die Jagd
Was die politische Dynamik angeht, ist die Sache weitgehend entschieden. Bereits bei der Umweltministerkonferenz im November 2025 stimmten alle 16 Bundesländer für die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht – auch die mit grüner Regierungsbeteiligung. Kein einziger Minister legte Widerspruch ein. Brandenburg hat die Aufnahme ins Landesjagdrecht bereits beschlossen und arbeitet an einem Wolfsmanagementplan, der bis Ende 2026 stehen soll.
Agrarminister Alois Rainer (CSU) hat die Wolfsfrage zu einer seiner politischen Prioritäten gemacht. Eine Gesetzesänderung, die Wölfe in Problemregionen regulierbar mache, war bereits im Koalitionsvertrag verankert.
Stimmen aus der Praxis: Zwischen Frust und Pragmatismus
Bei der Anhörung kamen auch Praktiker zu Wort. Schäfermeister Frank Hahnel, der seit Jahren mit Wölfen in seiner Nachbarschaft lebt, brachte es auf den Punkt: Die Aufnahme ins Jagdrecht ersetze nicht den Schutz seiner Herde. Solange es Wölfe gebe, werde er seine Tiere schützen müssen. Dieser Schutz aber sei teuer – und müsse weiterhin gefördert werden.
Sein Kollege Felix Körner sah es ähnlich pragmatisch: Er brauche kein großes Gesetz, sondern ein kleines Stück mehr Sicherheit. Beide Schäfer stehen für eine Haltung, die in der aufgeheizten Debatte oft untergeht – die derjenigen, die täglich mit der Realität auf der Weide leben und weder pauschale Abschüsse noch pauschalen Schutz fordern, sondern praktikable Lösungen.
Auch der Blick nach Österreich ist aufschlussreich: Niederösterreich hat den Wolf am 3. Februar 2026 ins Jagdrecht aufgenommen, allerdings mit ganzjähriger Schonzeit und klar definierten Ausnahmen nur für sogenannte Problemwölfe. Ein Modell, das strenger reguliert als das, was in Berlin gerade auf dem Tisch liegt.
Wie es jetzt weitergeht
Nach der Anhörung wird der Ausschuss eine Beschlussempfehlung erarbeiten. Dann folgen die zweite und dritte Lesung im Bundestag, anschließend muss der Bundesrat zustimmen. Angesichts der breiten Zustimmung aller Länder dürfte das Gesetz noch 2026 in Kraft treten.
Was das für Weidetierhalter bedeutet: eine Erleichterung – zumindest auf dem Papier. Was es für den Wolf bedeutet: das Ende seiner Unantastbarkeit in Deutschland. Und was es für den tatsächlichen Herdenschutz bedeutet, wird sich zeigen müssen. Denn eines hat die Debatte deutlich gemacht: Ob mit oder ohne Jagdrecht – ohne konsequenten Herdenschutz werden Weidetiere auch in Zukunft von Wölfen gerissen.

