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«Der Herdenschutz ist am Limit»

  • Marcel Züger ist Biologe und Naturschützer und will mit seinen Videos über den Wolf aufklären. – zvg

Marcel Züger ist Biologe und Inhaber eines Ökobüros in Salouf GR. Er publiziert auf seiner Facebook-Seite Videos zu Wolfsangriffen auf Grosstiere im Kanton Graubünden. Mit drei Videos.

Können Sie sich kurz vorstellen?
Ich bin Biologe und Naturschützer. Ich habe vor Jahren mein Biologiestudium an der ETH in Zürich absolviert und bin Inhaber des Ökobüros Pro Valladas GmbH, dass sich um Landschaftspflege und Naturschutz im Graubünden kümmert.

Was ist Ihre Einstellung zum Wolf?
Es gibt einen Artikel von 1997, wo ich noch schrieb, wir sollen dem Wolf «eine würdige Rückkehr in seine alte Heimat» ermöglichen. Damals habe ich mich für den Wolfe eingesetzt. Im 2012 als die ersten Welpen bei Calandarudel geboren wurden, habe ich mich gefreut und war als Biologe fasziniert davon, dass dies überhaupt möglich ist. Meine Einstellung gegenüber dem Wolf in der Schweiz hat sich unter anderem durch die enge Zusammenarbeit mit den Landwirten geändert. Ich führe sehr viele Projekte und Beweidungskonzepte mit Landwirten durch. Vor rund zwei Jahren und mit den zunehmenden Schäden an Weidetieren erahnte ich, was noch alles auf uns zukommen wird. Der Wolf ist nicht wie wir gedacht haben. Die Probleme werden komplett unterschätzt.

Ich möchte zeigen, was wirklich auf den Alpen abgeht.

Marcel Züger

Wie meinen Sie das?
Menschenscheu, seltene, nachtaktiv, ein einfacher Zaun oder die Anwesenheit eines Hundes hält ihn fern, so war er beschrieben worden. Wölfe sind intelligente, äusserst anpassungsfähige Jäger. Sie lernen, auch ausgeklügelte Herdenschutzmassnahmen zu umgehen. Sie merken, dass ihnen vom Mensch keine Gefahr droht, und sie werden immer dreister.

 Sie publizieren auf Ihrer Facebookseite Videos von Wolfsangriffen, wie sind Sie dazu gekommen?
Das Ganze hat angefangen als über das Jagdgesetz debattiert wurde, damals habe ich Videos mit Schwerpunkt zum Wolf publiziert. Als diesen Sommer die ersten Angriffe aus Grossvieh stattfanden, mit dem verletzten Rind in Trimmis GR, habe ich begonnen, darüber zu berichten. Die Bilder und die Realität von Wolfsangriffen, sei es auf Schafe aber auch jetzt auf Grosstiere, finden den Weg nicht in konventionelle Medien oder werden verpixelt abgedruckt. Ich möchte zeigen, was wirklich auf den Alpen abgeht.

Woher erfahren Sie von den Rissen?
Ich bin mittlerweile mit den Bauern sehr gut vernetzt, zudem gibt es im Kanton Graubünden ein Meldesystem bei Wolfsrissen. Wenn dort ein Riss bei Grosstieren gemeldet wird, frage ich nach, was passiert ist. Ich berichte nur, wenn ich selber vorbeigehen und mir ein eigenes Bild machen konnte.

Wie sieht die Wolfssituation in der Schweiz aus?
Die Situation ist angespannt.  Es sind vor allem die Kantone Graubünden, Glarus, Wallis und Waadt davon betroffen. Die Wolfsdichte in den betroffenen Gebieten hoch – höher als in allen anderen Ländern. Viele Bauern und Älpler blicken mit grosser Sorge auf die nächste Alpsaison.

Was sind die Problematiken?
Viele Schafherden wurden in den letzten Jahren durch grosse Aufwände geschützt. Ein befreundeter Biologe hat einmal gesagt: «Der Wolf ist auch nur ein fauler Hund.» Nach diesem Motto greifen die Wölfe nun das nächstschwächere, ungeschützte Opfer an, nämlich Jungrinder. Es ist bedenklich, dass die Wölfe nun auch Grosstiere angreifen. Trotz all den Bemühungen rund um den Herdenschutz werden die Massnahmen bald nicht mehr ausreichen. Sie sprengen mittlerweile den Rahmen.

Wie meinen Sie das?
Wenn der Hirte – der sowieso schon lange Arbeitstage hat – jeden Abend die ganze Herde in Nachtpferchen unterbringen soll, steigt der Arbeitsaufwand ins Unermessliche. Es müssen so täglich riesige Distanzen in unwegsames Gebiet von den Weideflächen zu den Nachtpferchen zurückgelegt werden. Das belastet die Hirten, die Hirtenhunde und auch die Schafe. Wölfe sind klug, lernfähig und passen ihr Verhalten an. Wenn man sich anschaut, wie in Zoos Wölfe mit zweieinhalb Meter hohen Zäunen plus Stromlitzen eingezäunt werden, muss man wohl nicht mehr viel zu unseren aktuellen Zäunen sagen. Ausserdem sieht der Wolf den Menschen nicht als Gefahr.

Wölfe sind klug, lernfähig und passen ihr Verhalten an.

Marcel Züger

Wie sieht es mit den Herdenschutzhunden als Abwehr aus?
Ich habe einmal mit einer Wärmebildkamera beobachtet, wie ein Rudel Wölfe einen Hirsch zerlegt hat. Die Kraft und Energie der Tiere ist gigantisch – deshalb ist der Wolf ja auch so ein faszinierendes Tier. Aktuell profitieren wir noch vom Vergrämungseffekt der Hunde auf den Wolf. Das dies dauerhaft funktioniert ist eine Illusion. Die Herdenschutzhunde in der Schweiz werden nach bestem Wissen und Gewissen ausgebildet. Die abgegebenen Hunde sind wie Soldaten nach der Rekrutenschule. Wenn sie aber dann draussen sind und es wirklich zu einem Wolfsangriff kommen sollte, ist es für sie Neuland. Damit die Hunde gegen ein geübtes Wolfsrudel eine Chance hätten, bräuchte es im Kampf ein Verhältnis von 1:1. Ausserdem müssten unsere Hunde viel «schärfer» sein. Im Vergleich zu Herdenschutzhunden in Rumänien oder der Türkei wirken unsere wie Schosshunde. Nach einem Wolfskontakt werden Herdenschutzhunde zur Gefahr.

Wieso das?
Dann stehen sie noch voll unter Strom und reagieren heftiger auf Biker und Wanderer, erst recht, wenn sie Hunde mitführen. Gerade in touristisch genutzten Gebieten wird es nur noch ein «Entwederodergeben». Entweder Beweidung mit intensivem Herdenschutz, oder Tourismus mit Wandern und Biken – dann ist aber Herdenschutz nicht verantwortbar. Für den Tourismus ist nicht so sehr der Wolf selber eine Gefahr, sondern die Herdenschutzmassnahmen.

Können Sie das belegen?
Das konnten wir verschiedentlich beobachten: Mutterkühe werden aggressiver, erst recht, wenn sie ein Kalb führen. Gleichzeitig haben immer mehr Wanderer keine Ahnung von der Natur. Sie durchqueren Mutterkuhherden oder wollen sogar die Kälbchen streicheln. Das war schon immer riskant. Jetzt wird das aber lebensgefährlich. Auch für die Bauern kann das schlimm ausgehen, wenn vormals umgängliche Kühe zu aggressiven Furien werden. Es gab mehrere Vorfälle, wo erfahrene Bauern nur mit letzter Not fliehen konnten.

Welche Auswirkungen hat der Wolf auf die Alpwirtschaft?
Er erschwert gerade die naturnahste . Und das in jenen Gebieten, die für die Biodiversität besonders wichtig sind. Dem Tierwohl wird im Berggebiet besonders gut entsprochen. Der Wolf treibt die Entwicklung genau in die gegenteilige Richtung. Ohne rigorose Eingriffe wird die naturnahe Alp- und Berg grosse Verluste erfahren. Die Entwicklung geht rasend schnell. Wenn wir nicht subito handeln, werden wir viel verlieren. 

Was meinen Sie mit Verlusten?
Die alpine Kulturlandschaft wurde über viele Jahrhunderte erschaffen und gepflegt. Mit unvorstellbarem Aufwand und enormen Entbehrungen. Innert weniger Jahre zerschlagen wir dieses Kulturgut. Von der Bewirtschaftung hat die Artenvielfallt profitiert. Graubünden hat rund 13’000 ha Trockenstandorte, die zum allergrössten Teil durch Mahd oder Beweidung entstanden sind und erhalten werden. Das sind 1.3 Milliarden Quadratmeter! Die Bündner Bauern bewirtschaften etwa 85’000 ha BFF-Fläche. Das ist mehr als die Fläche des ganzen Kantons Neuenburg. Die ökologisch wertvollsten Flächen sind auch die aufwändigste. Und sie liefern das schlechteste Futter.  

Ich denke, es ist möglich, in der Schweiz maximal zwölf Wolfsrudel zu managen.

Marcel Züger

Was hat mit dem Wolf zu tun?
Kommt nun noch der Faktor Wolf hinzu, sind diese Standorte ernsthaft bedroht. Da reichen auch die Anreize über die nicht aus. Mir ist die Artenvielfallt wichtig und ich finde den Wolf faszinierend. Wir können nicht eine einzelne Art auf Kosten von zehntausenden Arten etablieren. Es wird oft getan, als ginge es nur um Schafe. Auch die sind nicht zu vernachlässigen: etwa 2’500ha Trockenstandorte werden mit Schafen gepflegt. Betroffen sind aber auch alle anderen Tierhalter, Pferde, Milch- und Mutterkühe. Wo weniger Tiere sind, braucht es auch weniger Heu – also werden auch die Blumenwiesen nicht mehr gepflegt.

Wie sehen Sie die Zukunft des Wolfes in der Schweiz?
Ich denke, es ist möglich, in der Schweiz maximal zwölf Wolfsrudel zu managen; unauffällige Rudel, verteilt auf das ganze Land. Diese Rudel müsste man eng begleiten, die Tiere mit Sendern ausstatten und beobachten. Für die Kantone Graubünden, Glarus, Wallis und Waadt würde dies bedeuten, dass es jeweils nur noch ein Rudel gäbe. Der Aufwand wäre enorm, aber noch immer kleiner als mit einer «ungelenkten Wolfsschwemme». Für den Wolf bräuchte es eigentlich grosse, unberührte Landschaften. Die haben wir nicht. Man muss ehrlich sein: das gab es noch nie, dass Wölfe in eine so eng strukturierte Landschaft wie die Schweiz integriert wurde. Mit schweizerischer Präzision halte ich es dennoch für möglich. Wenn es nicht gelingt, dann muss man das Projekt Wolf in der Schweiz als gescheitert betrachten.

Die Akzeptanz gegenüber dem Wolf sinkt immer mehr, während dem die Wut zunimmt.

Marcel Züger

Was, wenn man nicht so vorgeht?
Es wird einen Flächenbrand geben, dem wir nicht mehr Herr werden. Neben dem erwähnten Verlust der Artenvielfallt sehe ich das Filigrane und einzigartige Netzwerk aus Alp- und Forstwirtschaft, Jägern, Tourismus und dem Gewerbe in den Berggebieten gefährdet. Nur mit diesem Wechselspiel bleibt die vielfältige Kulturlandschaft lebendig. Diese Landschaft, wofür Touristen aus der ganzen Welt anreisen. Die Akzeptanz gegenüber dem Wolf sinkt immer mehr, während dem die Wut zunimmt. Die Landschaft und Natur werden nicht mehr frei zugänglich sein, man wir nicht mehr einfach unbekümmert raus gehen und geniessen können.

Wie meinen Sie das?
Noch wichtiger als die eigentliche Wolfspräsenz sind ihre Folgen: aggressive Herdenschutzhunde und angriffige Mutterkühe. Aber auch die unmittelbare Gefahr kann nicht negiert werden. Es gibt bereits jetzt Regionen, wo die Leute nicht mehr ruhigen Gewissens im Wald Pilze suchen gehen. Für den Menschen sehe ich derzeit noch keine akute Gefahr. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird sich das schon bald ändern. Die Wolfsfreunde spielen die Begegnungen zwischen Wolf und Mensch herunter.

Können Sie Beispiele nennen?
Beispielsweise bei der Hirtin, die zwei Wolfskontakte hatte im Sommer: Beide Male sind die Wölfe auf sie zugekommen und nicht umgekehrt. Sie hat um Glück richtig reagiert. Ich mag mir aber nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn sie die Nerven verloren hätte, davon gerannt und den Beutetrieb der Wölfe geweckt hätte. Man ist es sich im Berggebiet gewohnt, dass im Winter die Hirsche bis in die Siedlungen und Dörfer kommen. Die Wölfe folgen ihnen nach. Letzten Winter gab es mehrere Hirschrisse direkt neben Häusern und an verschiedenen Orten hat man Wölfe auch vor dem Stall gehabt. Sollen wir künftig die Kinder künftig am Abend nicht mehr im Schnee spielen lassen? Unsere Freiheit und Lebensqualität wird eingeschränkt.

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Quelle: schweizerbauer.ch