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Hunger trotz hoher Selbstversorgung

  • Argentinien ist einer der 10 grössten Weizenproduzenten der Welt, bei der Sojaproduktion sogar auf Rang 3 hinter China und den USA. – Augusto Bosch

Der argentinische Präsident brüstet sich damit, dass er mit der Inlandproduktion zehnmal mehr Menschen ernähren könnte als effektiv in seinem Land leben. Dabei scheint er zu vergessen, dass argentinische e vor allem Tierfutter anbauen. Denn ein hoher Selbstversorgungsgrad bedeutet nicht automatisch, dass die ganze Bevölkerung genügend Lebensmittel bekommt

Wie viele andere Länder produzierte die Schweiz einst alle Nahrungsmittel im Inland, bevor der Gütertransport billiger wurde und sich die Geschmäcker weiterentwickelten.

Effektiv erzeugte Kalorien

2010 stellte die Schweiz nur noch 60% aller Lebensmittel selbst her, 10 Jahre später noch weniger. Deutschland hat einen Selbstversorgungsgrad (SVG) von 80%, Frankreich gar 111%, die USA 124%. Im Vergleich dazu wies Argentinien 2010 einen Selbstversorgungsgrad von 273% auf, gefolgt von Uruguay mit 232% und Australien mit 207% (Zahlen gemäss ).

Der Selbstversorgungsgrad gibt an, wie viele der konsumierten Kalorien effektiv im Inland erzeugt wurden. Ist diese Prozentzahl hoch, werden mehr Kalorien erzeugt als als verbraucht werden. Ergo ist das Land bezüglich Lebensmittel selbstversorgend. Diese Schlussfolgerung ist allerdings falsch. Denn aus dem SVG kann nicht abgelesen werden, in welcher Form die Kalorien daherkommen.

Nahrungsmittel für mehr als 400 Millionen Menschen

Beispiel Argentinien: das Land in Südamerika ist einer der 10 grössten Weizenproduzenten der Welt, bei der Sojaproduktion sogar auf Rang 3 hinter China und den USA. Ausserdem werden in Argentinien grosse Mengen an Mais, Sonnenblumen für Öl, Reis und Sorghum produziert. Präsident Alberto Fernandez wiederholt gerne voller Stolz, dass sein Land in der Lage sei, Nahrungsmittel für mehr als 400 Millionen Menschen zu produzieren.

Das sind fast 10-mal so viele Menschen wie in Argentinien wohnen. Diese Angabe sei nicht wissenschaftlich belegt und ausserdem beinhalte sie Produkte, die gar nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt seien, werfen Kritiker dem Präsidenten vor. Auf der folgenden Karte ist ersichtlich, dass Argentinien mehr als 25’000 Kilokalorien pro Tag pro Einwohner produziert, die Schweiz hingegen weniger als 3’000. Zum Leben reichen 2’500 Kilokalorien pro Person und Tag im Durchschnitt allerdings aus.

Lebensmittelproduktion pro Einwohner und Tag

Bananen aus Ecuador

Fakt ist, dass ein Vergleich der Nahrungsmittelautarkie schwierig ist und in Kalorien ausgedrückt zu einem verzerrten Bild führt. Wenn ein Land von einem gewissen Produkt mehr produziert, als im eigenen Land verzehrt wird, kann es diese Produkte exportieren und Handel betreiben.

Argentinien produziert z.B. kaum selbst Bananen, sondern kauft sie kostengünstig aus Ecuador. Die Schweiz bezieht derweil den Grossteil der Bananen aus Kolumbien.

Exporte können bitter schmecken

An vielen Orten der Welt können sich e die Produkte, die sie zum Export anbauen, selbst nicht mehr leisten. Ein eindrückliches Beispiel ist Bolivien, dessen Nahrungsmittelexporte dank dem Superfood-Trend Quinoa zwar stiegen. Jedoch verdreifachte sich von 2006 bis 2013 der Preis von Quinoa, und die Bauern, die in den bolivianischen Anden das Pseudogetreide anbauten, konnten es sich selbst nicht mehr leisten. Sie stiegen auf Teigwaren um, die viel günstiger waren, aber nicht in den traditionellen Speiseplan gehörten und geringere Mineralienwerte aufweisen als Quinoa

6 Kategorien

Die Definition der besagt, dass Ernährungssicherheit «gegeben ist, wenn alle Menschen zu jeder Zeit physischen, sozialen und wirtschaftlichen Zugang zu ausreichender, sicherer und nahrhafter Nahrung haben, die ihren Ernährungsbedürfnissen und – präferenzen für ein aktives und gesundes Leben entspricht».

Wenn ein Land auf dem internationalen Markt aufgrund fehlender Kaufkraft nicht mit Lebensmitteln handeln oder die Lieferkette im eigenen Land nicht sicherstellen kann, gibt es Hunger.

Die hat in einer Studie von 2015 Länder in verschiedene Gruppen eingeteilt:

  • Kategorie 1: SVG kleiner als 80%, weniger als 5% der Bevölkerung leidet an Hunger.
  • Kategorie 2: SVG grösser als 120%, weniger als 5% der Bevölkerung leidet an Hunger.
  • Kategorie 3: SVG 80-120%, weniger als 5% der Bevölkerung leidet an Hunger.
  • Kategorie 4: SVG kleiner als 80%, mehr als 5% der Bevölkerung leidet an Hunger.
  • Kategorie 5: SVG grösser als 120%, mehr als 5% der Bevölkerung leidet an Hunger.
  • Kategorie 6: SVG 80-120%, mehr als 5% der Bevölkerung leidet an Hunger.

Die Schweiz findet sich in der Gruppe der Net-Importeure und kann problemlos die Ernährungsbedürfnisse ihrer Einwohner befriedigen, obwohl der Selbstversorgungsgrad unter 80% liegt. Japan, das Vereinigte Königreich, Südkorea, Island oder Mexiko gehören auch in diese Gruppe. Diese Länder haben dank Exporten in anderen wirtschaftlichen Bereichen eine grosse Kaufkraft, die es ihnen erlaubt, Nahrungsmittel zuzukaufen.

Trotz genügend Lebensmittel Hunger

In Liberia, Namibia, Haiti, Jemen, Mongolei und Simbabwe gibt es einen hungernden Anteil an der Bevölkerung. Diese sind auch auf Nahrungsmittelimporte angewiesen. Länder wie Australien, Argentinien, Kanada, Kasachstan oder Schweden sind kalorienmässig genügend versorgt und können Nahrungsmittel exportieren.

Im Gegensatz gibt es in Ländern wie Pakistan, Guayana und Thailand zwar Hunger, sie exportieren aber trotzdem Nahrungsmittel. Südafrika, Brasilien, und Deutschland haben kaum mit Hunger zu kämpfen und produzieren etwa die Menge Nahrungsmittelkalorien, die sie benötigen, was sie allerdings nicht vom Handel abhält. Und in Indien, Bolivien, Tansania, Tschad und China gibt es trotz genügender Nahrungsmittelproduktion Hunger.

In vielen Ländern gibt es trotz genügender Nahrungsmittelproduktion Hunger.
Unicef

Kein «entweder-oder» 

Der internationale Handel mit Lebensmitteln kann da zu Hunger führen, wo Länder nicht genügend Kaufkraft haben. Angesichts der Komplexität plädiert die dafür, dass es nicht das Ziel einer Regierung sein sollte, 100 Prozent der Nahrungsmittel auf heimischem Boden herzustellen.

Es müsse vielmehr der Fokus darauf gelegt werden, die einheimische Kapazität zur Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen und die Effizienz zu steigern. Es sei keine «entwederoder»-Debatte, sondern jedes Land müsse für sich selber bestimmen, inwiefern eine inländische Nahrungsmittelproduktion Sinn mache und wie diese mit Exporten ergänzt werden könne.

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Quelle: schweizerbauer.ch