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«Gnadenlose Fehleinschätzung des SBV»

  • Swisscofel-Präsident Martin Farner ist über die Äusserungen des Schweizer Bauernverbandes erzürnt. – Albrecht Dreier

Der Handelsverband Swisscofel kritisiert in einem offenen Brief den Schweizer Bauernverband (SBV) scharf. Hintergrund ist dessen Presseinformation von vergangener Woche. Diese sei eine «gnadenlose Fehleinschätzung».

In seinem Presserohstoff unter dem Titel «Idealvorstellung versus Realität» hatte der SBV unter anderem auch die Marktverhältnisse thematisiert.

Vier von fünf Franken verdienen die Landwirtinnen und -wirte in der Schweiz mit dem Verkauf ihrer Produkte. Der Absatz läuft grösstenteils über den Detailhandel. Und «dieser Markt ist gnadenlos», teilte der SBV Anfang Januar mit. Mit der Preisgestaltung würden die Detailhändler jeden Durchbruch in Richtung einer naturnäheren und tierfreundlicheren verhindern.

Die Ausführungen sind dem Verband des Schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels (Swisscofel), welchem auch Coop und Migros angehören, nicht entgangen. Und diese haben den Handelsverband erzürnt.

Handel ist Pionier

Der Bauernverband habe in seiner Erklärung einmal mehr mit scharfer Munition gegen den Handel geschossen, schreibt Swisscofel-Präsident Martin Farner in einem offenen Brief. Das könne und wolle er so nicht stehen lassen. Es handle sich um eine gnadenlose Fehleinschätzung des Schweizer Bauernverbands.

«Sie (Red. der Bauernverband) bezeichnen den Detailhandel als «gnadenlos», die Qualitätsanforderungen des Handels und der Konsumentinnen als übertrieben und die grünen Anliegen von Politik und Gesellschaft als «Wunschdenken».  Fakt ist, dass die Schweizer Früchte- und Gemüsebranche in den vergangenen 30 Jahren nie stehen geblieben ist. Wir haben uns stets den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ansprüchen an die Land- und Lebensmittelwirtschaft gestellt und werden es auch in Zukunft tun. Die Schweizer Früchte- und Gemüsebranche war die Erfinderin der integrierten Produktion in der Schweiz. Sie hat auf Wunsch des Handels den SwissGAP-Standard eingeführt, sie war auch Pionierin für diverse nachhaltige Labels und Vorreiterin in der Bio-Branche.»

«Mächtiger Bauernverband»

Diese Entwicklung war gemäss Farner nur möglich, weil der Handel partnerschaftliche Lösungen gefunden hat.  So haben gemäss dem Präsidenten haben Früchte- und Gemüse-Produzenten und Händler gemeinsam den Standard SwissGAP eingeführt und laufend weiterentwickelt. Dies ohne das Zutun des mächtigen Bauernverbandes, hebt Farner hervor. 

Farner ärgert sich auch über den Vorwurf der zu strengen Normen:

«Der vom Schweizer Bauernverband immer wieder gemachte Vorwurf von den ‘viel zu strengen Qualitätsanforderungen des Handels’ ist absolut unbegründet.  Normen werden von Produzenten und Handel gemeinsam definiert und beschlossen. Diese Normen zeigen auf, welche Qualitäten sich gut verkaufen lassen. Nach Absprache sind auch Abweichungen möglich und erlaubt. Das wurde auch mehrfach so gemacht. Während der ersten Pandemiewelle wurde übergrosses Gemüse vom Gastronomie- in den Detailhandelskanal umgeleitet und so weitgehend verkauft. Ebenso wurden verhagelte Aprikosen schon mehrmals als Klasse II/Kochobst über den Detailhandel verkauft.

Auch auf kurzfristige, wetterbedingte Grossernten versucht der Handel, wenn immer möglich, mittels Aktionen flexibel zu reagieren. Diese Zusammenarbeit ist alles andere als ‘gnadenlos’, sondern sehr erfolgreich. Dass die Schweizer Früchte-, Beeren-, Gemüse- und Kartoffelproduzenten ihre Marktanteile seit Jahren nicht nur halten, sondern ausdehnen konnten, ist ein deutlicher Beweis dafür.»

Für Farner ist es unverständlich und unfair, dass der Bauernverband nun einen Keil zwischen Handel und Produzenten treiben will. Sollte dies gelingen, gäbe es nur Verlierer. 

Handel lobt Produzenten

Der Swisscofel-Präsident lobt seine Hauptlieferanten, die Schweizer Früchte- und Gemüse-Produzenten. Diese würden nicht nur mit den hohen Risiken des Natur und des Marktes kämpfen, sondern würden die Ansprüche der Schweizer Gesellschaft in Bezug auf den Umwelt- und Klimaschutz ernst nehmen.  Dies ist ein deutlicher Seitenhieb in Richtung Bauernverband.

Farner nennt einige Beispiele. So hätten Gemüse- und Obstproduzenten beschlossen, ab 2030 für die Beheizung von Gewächshäusern keine fossilen Brennstoffe mehr einzusetzen. «Und sie werden es auch sein, die eine schrittweise Reduktion der Risiken durch synthetische Pflanzenschutzmittel – so wie das Parlament es verlangt – in der Praxis umsetzen und erreichen werden», hält Farner fest. Solche Schritte seien nur möglich, wenn man an eine Partnerschaft zwischen Produktion und Handel glaube.

Swisscofel ist der Verband des Schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels.
zvg

SBV riskiert Annahme der Initiativen

Farner fordert den Schweizer Bauernverband auf, die  Früchte- und Gemüseproduzenten als Vorbild anzusehen.  «Sie verteidigen keine alten Pfründe und sie fordern auch keine neuen Sonderrechte. Sie wollen in Anbetracht der grossen Herausforderungen in der Zukunft bestehen können. Sie wünschen sich – genau wie der Handel – optimale Rahmenbedingungen, damit sie sich auf ihren Märkten erfolgreich weiterentwickeln können», so Farner.

Der Bauernverband riskiert aus Sicht von Swisscofel mit seiner «sturen» Haltung, die Weiterentwicklung der Agrar- und Umweltpolitik zu verhindern, dass die Trinkwasser- und Pestizidsverbots-Initiative angenommen werden. «Die Ökologisierung unserer Gesellschaft ist längst kein ‘Wunschdenken’ mehr, sondern die Zukunft», kritisiert Farner den Bauernpräsidenten Markus Ritter.

Der Bauernverband müsse sich selbst bewegen. «Nur dann verlieren diese weltfremden Initiativen an Schwung», macht Farner klar.

Zum Verband

Im Oktober 1999 wurde Swisscofel durch 46 Gründungsmitglieder als Schweizer Verband des Früchte- Gemüse- und Kartoffelhandels gegründet. Am 1. Januar 2000 hat der Verband seine operative Arbeit in Bern aufgenommen. Die 175 aktuellen Mitgliederfirmen generieren mit Früchten, Gemüse und Kartoffeln einen Umsatz von über 4 Milliarden Franken. Dies entspricht gemäss Swisscofel rund 86% des gesamten Handelsvolumens mit diesen Produkten in der Schweiz.

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Quelle: schweizerbauer.ch