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«Epigenetik bei Kühen wichtiger als gedacht»

  • Der amerikanische Forscher Jack H. Britt sprach an der EAAP-Konferenz in Davos GR über die zukünftige Entwicklung der Milchproduktion und Milchviehgenetik.  – Adrian Haldimann

Eine effizientere Milchproduktion macht sie nachhaltiger. Dieser Meinung ist der amerikanische Tierwissenschaftler Jack H. Britt. Er ist überzeugt, dass es bessere Rindviehgenetik und Gene Editing braucht, um in Zukunft die Menschen ernähren zu können. Und der Klimawandel biete auch Chancen, sagte er an der EAAP-Konferenz in Davos GR.

An der Konferenz  der Europäischen Vereinigung für Tierwissenschaften (EAAP) in Davos GR referierte der emeritierte amerikanische Professor Jack H. Britt über die Nachhaltigkeit von hochleistenden Milchkühen. Er sprach interessante Zukunftsentwicklungen an.

Vor- und Nachteile von Brachland

Zu Beginn seines Referates gab er zu bedenken, dass bis in 50 Jahren rund zusätzlich 2 Mrd. Menschen zu ernähren sind – hauptsächlich aufgrund des Bevölkerungswachstums in Asien und Afrika. Er sieht in der Milchproduktion einen grossen Vorteil, da mit Milchprodukten auf Basis essenzieller Nährstoffe im Vergleich zu anderen Ernährungsformen am meisten Menschen ernährt werden könnten. 

Im Klimawandel sieht Britt auch Chancen. Der Klimawandel könnte vor allem in Nordamerika und im Norden Russlands neue liche Anbauflächen schaffen. 1,51 Mrd. Hektaren würden noch brach liegen. Eine Gefahr sieht Britt vor allem darin, dass bei der Nutzung des Brachlandes viel gespeicherter Kohlenstoff freigesetzt werde. 

Der Klimawandel werde die Milchindustrie in den kommenden Jahrzehnten massgeblich beeinflussen. Wegen Wassermangels in sieben Süd- und Weststaaten, wo aktuell 35 Prozent der Milch auf grossen Milchfarmen produziert wird, würden in den Norden Kanadas verlagert werden. Kanada werde ein gutes Land für die bleiben. 

Unterschiedliche Effizienz

Dann kam Britt auf die Effizienz in der Milchproduktion zu sprechen. Als Mass nahm er die Anzahl Kühe, die nötig sind, um pro Tag 100 Liter Milch zu produzieren. Damit stellte er einen Ländervergleich auf und präsentierte gewaltige Unterschiede. Während es in den USA dazu 3,5 Kühe braucht, kommen im ostafrikanischen Land Tanzania erst im Schnitt 176 Kühe auf 100 Liter Milch pro Tag (siehe nachfolgende Grafik).

Ländervergleich: So viele Kühe braucht es, um pro Tag 100 Liter Milch zu produzieren.
(Bild: Youtube Eaap Channel Live Stream)

Es sei eine Herausforderung, die Milchproduktion weltweit effizienter zu machen. Denn gerade auch der Ausstoss von Treibhausgasen pro Kilo Milch sei dort grösser, wo die Milchleistung pro Kuh tiefer sei. Britt ist überzeugt, dass mit besserer Genetik und mehr Fütterungseffizienz die globale Erwärmung massgeblich beeinflusst werden kann.

Mehr Effizienz sieht Britt auch in grösseren Herdengrössen, da die Fixkosten pro Kuh tiefer seien. Immer mehr Betriebe in den USA hielten über 2500 Kühe. «Diese Entwicklung passiert einzig aufgrund wirtschaftlichen Gründen.» 

«Epigenetik mehr Beachtung schenken»

Die Milchviehgenetik entwickelt sich. Das stellt auch Professor Britt fest. Genomik sei der richtige Weg, um die Jungtiere zu selektionieren. «Wir sind auch im Genome Editing – nicht in der Gentechnik – aktiv», so Britt. Zudem werde die Kuh der Zukunft gesünder, fruchtbarer und belaste die Umwelt weniger.

Zukunftsforscher Jack H. Britt

Jack H. Britt ist Zukunftsforscher für die . Er leitet ein globales Team, das sich mit Milchvieh und Milchviehbetrieben in 50 Jahren sowie mit zukünftigen lichen Systemen beschäftigt. Er ist Autor von 620 wissenschaftlichen und technischen Veröffentlichungen und war Gastredner auf rund 100 nationalen und internationalen Konferenzen.

Dann kam Britt auf die Epigenetik zu sprechen. Sie habe eine grosse Bedeutung, man müsse ihr ihn Zukunft mehr Beachtung schenken. Epigenetik ist eine neue Disziplin innerhalb der Genetik. Sie erforscht jene Eigenschaften von Genen, die nicht durch die DNA selbst, sondern durch deren Ablesebereitschaft in Erscheinung treten.

Aufstrebende Technologien

Britt zeigte epigenetische Effekte aufgrund Hitzestress bei Kühen und Nachkommen auf. So zeigen Untersuchungen, dass Töchter von hitzegestressten Müttern weniger Milch geben als Töchter von Müttern, die nicht unter Hitzestress litten. Sogar auf die Grosstöchtern habe der Einfluss nachgewiesen werden können. «Diese epigenetischen Effekte beginnen wir erst jetzt zu verstehen», so Britt. Er vermutet, dass Epigenetik einen grösseren Einfluss auf Merkmale von Tieren habe als die Genetik selber. 

Forscher Britt zählte in der Folge mehrere Technologien auf, denen er in Zukunft grossen Einfluss zuschreibt. So könnten beispielsweise virtuelle Zäune das Weidemanagement erheblich vereinfachen und die Weideführung präziser machen. Und mit genom-editierten Pflanzen liesse sich der Ertrag erheblich steigern. Mit einer einfachen Ausschaltung eines Genes könne etwa erreicht werden, dass die Pflanze deutlich mehr Sonnenlicht einfängt und dadurch der Ertrag um 20 Prozent gesteigert wird.

EAAP-Konferenz dauert noch bis Freitag

Die Konferenz der European Federation of Animal Science (EAAP) findet zum 72. Mal statt. In diesem Jahr ist die Schweiz Gastgeberland. Der amerikanische Forscher Jack H. Britt hielt eines der Hauptreferate im Rahmen der Plenartagung am Dienstag. Insgesamt tauschen sich vor Ort in Davos fast 900 Tierwissenschaftler aus 49 Ländern aus. Mit rund 1000 Präsentation wird der aktuellste Stand der Wissenschaft dargelegt. Die Konferenz kann auch virtuell verfolgt werden. Die Präsentationen enden am Donnerstagabend. Der Freitag steht dann ganz im Zeichen von Betriebsbesichtigungstouren.

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Quelle: schweizerbauer.ch