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Der Helfer aus einer anderen Welt

Niklas Schirmann aus Zug (l.) unterstützt Edith und Andreas Bissig auf ihrem Bergbauernbetrieb. Er kam über den Caritas-Bergeinsatz zu ihnen.
Julia Spahr

Nach einem Unfall wusste es Edith Bissig aus Isenthal UR sofort: Sie würde lange nicht auf ihrem Bergbetrieb arbeiten können. Ihr Mann bekommt nun Unterstützung von einem freiwilligen Helfer. Dabei treffen Welten aufeinander.

Es riecht nach Heu. Die Sonne steht hoch am Himmel. Sie scheint ins Isenthal auf das unebene Land von Edith und Andreas Bissig. Das Bauernpaar schwitzt. Es will den Tag nutzen. Die Söhne sind da und helfen. Edith Bissig hat die leichtere Aufgabe gefasst. Sie steht da, mit dem Bläser auf dem Rücken, und bläst das Heu hinunter. Die andern gabeln es auf. Fest steht sie da und bewegt sich fort über die Wiesen, auf denen kein einziger Quadratmeter flach ist.

Plötzlich verdreht sich ihr Bein. Sie kann ihr Gewicht nicht mit dem anderen auffangen und knickt ein. Es knackt. Sie hört es. Durch den Gehörschutz. Sie bleibt liegen. Den Fuss streckt sie hoch. Mann und Söhne kommen. Sie kann nicht aufstehen.

Andreas Bissig holt den Terratrac und hievt sie auf die Schaufel. Sie muss zum Arzt. Der schickt sie ins Spital. Es ist gebrochen. Das Wadenbein. Sie wird sofort operiert. Was macht jetzt mein Mann? Denkt sie immer wieder. Wie soll er den 17-Hektar-Betrieb in der Bergzone IV bewirtschaften ohne meine Hilfe? Diese Sorge ist grösser als die ums Bein.

Schlaflose Nächte

Sie sind immer zusammen. Verrichten die Arbeiten im Stall ihrer sieben Kühe, der neun Rinder und 15 Kälber. Im Winter hilft sie ihm beim Holzen, im Sommer heuen sie und schauen auf der Alp Ney UR zu den Tieren. In der ersten Zeit nach dem Unfall helfen ihre Söhne, Eltern und eine Freundin. Ihre Hilfe ist jedoch keine langfristige Lösung. «Ich lag nächtelang wach und fragte mich, wie es weitergehen soll», sagt sie heute.

Fast ein Jahr nach dem Unfall. Sie steht in ihrer geräumigen Küche. Im Februar wurde sie ein zweites Mal operiert. Noch immer ist sie etwas steif im Bein, kann sich nicht schnell bewegen. Ans Arbeiten im steilen Gelände ist nicht zu denken. Danach sehnt sie sich aber. Sie könne ja drinnen nicht den ganzen Tag putzen. Zudem vermisse sie die Arbeit mit ihrem Mann. Sie lacht. «Ich weiss, das tönt kitschig. Aber wir sind normalerweise immer zusammen.»

Kein Bauernsohn

Während sie erzählt, kommt er herein. Nach den Stallarbeiten ist es Zeit für Kaffee und ein Stück Rhabarbercake. Andreas Bissig kommt aber nicht allein. Bei ihm ist der Mann, dank dem sich Edith Bissig gerade keine Sorgen machen muss, ob ihr Andreas mit der Arbeit allein fertig werde. Es ist Niklas Schirmann aus Zug.

Der 39-Jährige ist eine Woche bei ihnen und hilft als Freiwilliger bei den täglichen Arbeiten draussen und im Stall. Er kam über die Vermittlungsplattform des Caritas-Bergeinsatzes zu ihnen. Bissigs haben bereits ein, zwei Mal von dem Angebot Gebrauch gemacht. Mit Schir­mann scheinen sie aber besonders zufrieden. Obwohl er alles andere als ein Bauernsohn ist.

Bergeinsatz

Über den Bergeinsatz der Caritas können sich Bauernfamilien, die kurzfristig Hilfe brauchen, registrieren. Ist einer vorhanden, wird ihnen ein freiwilliger Helfer vermittelt. Anmelden können sich Betriebe, die ihren Haupt­erwerb in der erwirtschaften, unter einer definierten Einkommensgrenze liegen und sich in den Bergzonen I bis IV befinden. Nebenerwerbsbetriebe werden ab einer SAK von 0,5 berücksichtigt. Die Freiwilligen sind zwischen 18- und 70-jährig und fühlen sich psychisch und körperlich fit. Weitere Informationen für interessierte Bauernfamilien und Freiwillige auf hier.  jul/mgt

Er ist in Berlin aufgewachsen und hat später in Paris und London Management studiert. Er machte einen Doktortitel und arbeitet heute als Strategiemanager bei der Rückversicherungsfirma Swiss Re in Zürich. Er und seine Frau waren viel in den Bergen unterwegs. Immer wieder hätten sie Bauern gesehen und es war offensichtlich, dass sie hart arbeiten. «Ich will sie unterstützen und einmal etwas anderes machen, als am Computer sitzen», erzählt er.

Und als sich die Überstunden angehäuft hatten, entschied er spontan, sich für einen Einsatz zu melden. Eine Woche später stand er bei Bissigs. Jetzt sitzen sie zusammen am Tisch. Wenn Schirmann Dinge sagt wie, er wolle als Deutscher dem Land, in dem er jetzt lebe, etwas zurückgeben und finde diese Freiwilligenarbeit deshalb so sinnvoll, lächeln die beiden Bauern. «Ein schöner Gedanke.» Edith Bissig nickt zufrieden. Auch wenn er sagt, er sehe nun aus einer anderen Perspektive auf die . Gerade was die anstehenden Initiativen betreffe.

Mit grossen Augen hören Edith und Andreas Bissig zu, wenn Schirmann erzählt, dass er einmal mit seiner Frau in einem Fastenzentrum war. «Eine Woche nichts essen ist leichter als man denkt», sagt er. «Aber dann kann man nicht so arbeiten wie wir hier, oder?», fragt der Bauer. «Das natürlich nicht», schiebt Schirmann schnell nach. Und man sei ärztlich begleitet. In jeder Dusche habe es einen Notfallknopf», sagt er. «Aha, falls es einem sturm wird vor Elend», so Edith Bissig, während sie Kartoffeln schält für die Älplermagronen.

«Ich will einen Bauer»

Während Bissigs Neues lernen, erfährt Schirmann einiges über das Leben des Bauernpaars. Etwa, wie sich die beiden kennenlernten. «Ich wollte immer einen Bauer», Edith Bissig lacht. Sie war damals in der Lehre zur Coiffeuse in Altdorf UR, als sie eine Freundin mitnahm ans Chlausenfest der lichen Schule. «Da war einer hinter mir her», erzählt sie.

Sie sei in die Küche, um sich seinen Avancen zu entziehen. Da stand Andreas. «Tanzst du mit mir?», fragte sie. Er war schnell überzeugt. So kam es, dass sie mittlerweile fast auf den Tag genau 30 Jahre verheiratet sind und drei Kinder haben. Ein Sohn wird möglicherweise den Betrieb übernehmen, wie sie beim Rhabarberkuchen erzählen.

Bis dahin ist es aber noch eine Weile hin. Edith Bissig hofft, dass sie trotz der interessanten Begegnungen, die sie mit den freiwilligen Helferinnen und Helfern erleben, bald wieder selbst mit ihrem Mann zusammen arbeiten kann.

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Quelle: schweizerbauer.ch