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Das hat noch keine Frau erreicht

  • Pro Jahr verarbeitet Rösli Sidler bis zu 150 Meter Baumwollstoff.   – Guido Bürgler

Ein Novum: Seit 31 Jahren näht Rösli Sidler für die St. Niklausengesellschaft Küssnacht SZ Hirthemden und «Iffelengwändli». Nun wurde sie als erste Frau zum ausserordentlichen Ehrenmitglied gewählt.

«Ich war total überwältigt, sogar richtig geschockt», erzählt Rösli Sidler (82) wenn sie von der letzten Generalversammlung der St. Niklausengesellschaft Küssnacht (Chlausjäger) erzählt. Die zierliche, rüstige Rentnerin war am 28. November unter einem Vorwand vom Vorstand an die Generalversammlung eingeladen worden. Dort, im Monséjour-Saal, waren sonst alles Männer zugegen, fast 500 an der Zahl. Das Chlausjagen ist nämlich eine reine Männersache.

Tosender Applaus

Doch heuer machten die Chlausjäger eine Ausnahme. Sie ernannten Rösli Sidler-Mehr, die unermüdliche Näherin der Chlausjäger, für ihre grossen Verdienste in den letzten 30 Jahren zum ausserordentlichen Ehrenmitglied. Die Überraschung war perfekt. Minutenlang brandete der Applaus der Chlausjäger durch den Saal. Es gab Standing Ovations, gemischt mit Jauchzern und Bravo-Rufen.

Rösli Sidler ist eine sehr fleissige, flinke Schneiderin. Sie hat diese Tätigkeit 1991 von ihrem Schwiegervater übernommen. Ihr Mann Josef entlastet sie nach Möglichkeit, indem er allerlei Arbeiten in der Eigentumswohnung erledigt.

Das Nähzimmer von Rösli Sidler ist zugleich ein Lagerraum. In Schränken liegen fein säuberlich neue weisse Hirthemden in 14 Grössen, und es gibt zahlreiche «Iffelengwändli» (Infuln-Gewänder) für Erwachsene und die Kindergartenkinder. Jeweils von Ende Januar bis im Dezember arbeitet die fünffache Mutter und neunfache Grossmutter immer wieder stundenweise im Nähzimmer, wo sie die verkauften Gewänder allmählich durch neue ersetzt.

Ein alter Brauch

Das Chlausenjagen gehört zu den imposantesten Nikolausbräuchen in Europa. Jeweils am 5. Dezember – teils etwas früher − organisiert die 1928 gegründete St. Niklausengesellschaft Küssnacht das Chlausenjagen. Nach einem Böllerschuss um 20.15 Uhr geht im ganzen Dorf das Licht aus. Die Geislechlepfer führen den Umzug an und lassen ihre Peitschen knallen. Hinter ihnen tänzeln die etwa 250 Iffelenträger. Sie tragen die Iffelen (Infuln) auf dem Kopf. Die filigranen Kunstwerke aus Karton und farbigem Seidenpapier sehen aus wie Kirchenfenster, die von innen durch Kerzen beleuchtet werden. Die grössten Iffelen sind mehr als zwei Meter hoch und 20 kg schwer. Hinter den Iffelenträgern schreitet würdig St. Nikolaus durchs Dorf, begleitet von Schmutzlis und Fackelträgern. Nach den Blasmusikanten, die die Chlausenmelodie spielen (Dreiklang) folgen Hunderte von Trychlern, die ihre Treicheln in gleichmässigem Takt schwingen. Den Schluss des Zuges bilden gegen 200 Hornbläser. In den letzten Jahren machten im Schnitt über 1600 Chlausenjäger mit. gb 

Rösli Sidler hatte zu Beginn ihrer Tätigkeit ein umfangreiches Konzept erstellt. Dadurch hat die leidenschaftliche Schneiderin sehr viel zur Vereinheitlichung der Chlausjägergewänder beigetragen.
Denn früher war der Brauch deutlich wilder, viele Chlausjäger trugen zum Beispiel Skijacken am Umzug. Pro Jahr verarbeitet die «Chlausenmutter» – wie Rösli auch genannt wird – 120 bis 150 Meter Baumwollstoff. Sie hat drei Nähmaschinen. Am liebsten arbeitet sie mit der «Pfaff», die sie 1959 zur Verlobung geschenkt erhalten hat. «Die Maschine läuft nach wie vor einwandfrei», erzählte Sidler.

Drei Generationen

Rösli Sidler und ihr Mann Josef freuen sich sehr, dass auch ihre Kinder und Grosskinder mit grosser Leidenschaft das Chlausjagen pflegen. Und was motiviert Rösli Sidler sonst noch, immer wieder in ihr Nähzimmer zu gehen? «Es ergeben sich beim Anpassen und dem Verkauf der Gwändli sehr schöne Kontakte, und es ist mir sehr wichtig, dass unser alter Brauch gepflegt und gelebt wird. Solange ich gesund bleiben darf, nähe ich gerne weiter. Man muss viel denken bei der Arbeit, das hält mich fit», erklärt sie. Nebst dem Nähen ist Sidler auch bekannt als Iffelen-Herstellerin. Sie hat für ihren Mann, die vier Söhne und die Enkel 13 schöne Kunstwerke erschaffen. Ausserdem fertigt sie auch Iffelen im Miniformat an, die man als Zierde in der Wohnung aufstellen kann.

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Quelle: schweizerbauer.ch