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Das 1,5-Grad-Ziel als unerfüllbare Klima-Mission?

  • Ein IPCC-Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel machte 2018 allerdings deutlich, wie verheerend bereits der Anstieg der Erderwärmung um ein weiteres halbes Grad auf zwei Grad wäre. – pixabay

Ist das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimas überhaupt noch erreichbar? Zweifel daran nährt der am Montag vorgelegte Bericht des Weltklimarats IPCC. Die Autoren gehen davon aus, dass die bedeutsame Marke einer Erderwärmung um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bereits um das Jahr 2030 erreicht wird – also zehn Jahre früher als noch 2018 prognostiziert. Ob eine weitere Erwärmung danach noch zu verhindern ist, ist auch in der Wissenschaft umstritten.

Im Pariser von 2015 wurde vereinbart, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst aber auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Ein IPCC-Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel machte 2018 allerdings deutlich, wie verheerend bereits der Anstieg der Erderwärmung um ein weiteres halbes Grad auf zwei Grad wäre. Die 1,5 Grad wurden daher «das de-facto-Ziel», sagt der Klimaforscher Peter Thorne von der irischen Maynooth University.

Aber obwohl mehr als 190 Länder sich dem Pariser angeschlossen haben, liegt das 1,5-Grad-Ziel in weiter Ferne. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die weltweite Durchschnittstemperatur bereits um 1,1 Grad gestiegen. Selbst wenn alle Länder ihre Klimaschutzzusagen im Rahmen des Pariser s erfüllen, steuert die Erde auf eine Erwärmung um drei Grad zu. Anderenfalls droht sogar ein Temperaturanstieg um vier oder fünf Grad.

Natur sendet Warnsignale

«Wir müssen sicherstellen, dass wir die 1,5 Grad in Reichweite behalten», mahnte der Präsident der für November in Glasgow geplanten UN-Klimakonferenz, Alok Sharma, dieses Jahr. Die eindringlichsten Alarmsignale richtet die Natur selbst an die Menschheit.

Seit Mitte Juni wurden mehrere Kontinente schwer von Wetterextremen getroffen, wie sie wegen der Erderwärmung verstärkt auftreten. Deutschland und andere europäische Länder wurden von Flutkatastrophen heimgesucht, Nordamerika von einer beispiellosen Hitzewelle und in starben durch Hochwasser sogar Berufspendler in einer Millionenmetropole.

Eine unmögliche Mission?

Laut den neuesten Erkenntnissen, die der IPCC im ersten Teil seines sechsten Sachstandsberichts zusammengetragen hat, wird die 1,5-Grad-Marke schon bald erreicht. In allen fünf Szenarien, die die IPCC-Wissenschaftler durchgespielt haben, wird die Erderwärmung bereits gegen 2030 1,5 oder sogar 1,6 Grad betragen.

Bis 2050 wird diese Marke demnach in allen Szenarien überschritten – im besten Fall um ein Zehntel Grad, im schlechtesten um fast ein ganzes Grad. Bis 2090 rechnet der IPCC mit einem em Temperaturanstieg zwischen 1,8 und 4,4 Grad.

Angesichts dieser Lage seien Wissenschaftler durchaus geteilter Meinung bei der Frage, ob das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen ist, sagt der Leiter des Systems Institute der University of Exeter, Tim Lenton. Einige Experten sähen in dem Ziel eine unmögliche Mission, sagten dies aber nicht öffentlich, um die internationalen Klimaschutzambitionen nicht zu lähmen.

Erreichbares, aber äusserst ehrgeiziges Ziel

Dieses Schweigen wurde dieses Jahr mit einem hundertseitigen Papier der renommierten Australischen Akademie der Wissenschaften zu Klimarisiken gebrochen. «Den Klimawandel auf 1,5 Grad zu beschränken, ist jetzt praktisch unmöglich», schrieben darin führende Wissenschaftler, darunter einige IPCC-Berichtsautoren.

Sie ernteten sogleich Widerspruch von vier Top-Atmosphärenforschern und Experten für Klimamodelle. «Wissenschaftlich gesehen kann die Menschheit die e Erwärmung in diesem Jahrhundert immer noch auf 1,5 Grad begrenzen», schrieben sie in ihrem Kommentar. Ob dies gelinge, hänge von den politischen Massnahmen ab.

Aber selbst Optimisten stimmen zu, dass das 1,5-Grad-Ziel äusserst ehrgeizig ist. Dazu müssten die weltweiten Treibhausgasemissionen bis Ende dieses Jahrhunderts halbiert und bis 2050 auf null gesenkt werden.

«Der Pfad zu stabilen 1,5 Grad ist eindeutig sehr, sehr schmal und sehr herausfordernd», sagt der Klimaexperte Alden Meyer von der Klima-Denkfabrik E3G. «Das bedeutet aber nicht, dass man aufhört, dafür zu kämpfen. Selbst wenn man das Ziel verfehlt, zählt jedes Zehntelgrad bei den Folgen.»

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Quelle: schweizerbauer.ch