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«Corona hat den Betrieb lahmgelegt»

  • In Interlaken gehören Kutschen zum Ortsbild wie die Höhematte und die Berge – zu normalen Zeiten – Interlaken Tourismus

Der Kutschen- und Reitschul Voegeli in Unterseen gehört zu den grössten Kutschenen in der . Doch mit der Coronakrise sind die Erträge weggebrochen, während die Arbeit zugenommen hat.

«Kutschen gehören zu Interlaken wie Thuner- und Brienzersee und die Aussicht auf die Berge rund um Eiger, Mönch und Jungfrau», sagt der Interlakner Tourismusdirektor Daniel Sulzer. Kutschen gehörten seit jeher zum Interlakner Tourismus – in der ersten Blütezeit im späten 19. Jahrhundert waren über 240 Ein- und Mehrspänner immatrikuliert. «Und auch heute schätzen Gäste aus der ganzen Welt Kutschenfahrten als Kontrapunkt zur Hektik.»

20’000 Gäste pro Jahr

Erica und Ernst Voegeli, die den letzten grossen Kutschen der Region Interlaken führen, spannen durchschnittlich für 20’000 Gäste pro Jahr an. Allein ihr grösster Kunde, das Grand Hotel Victoria-Jungfrau, ruft jährlich 700 bis 800 Mal an. Zudem warten im Sommer jeweils bis zu sechs Kutscherinnen und Kutscher an den verschiedenen Standorten im Freilichtmuseum Ballenberg und in Interlaken auf Kundschaft – meist nicht lange. «Bei uns muss ein Pferd nicht um sein Leben rennen, aber es hat immer genug Bewegung», sagt Ernst Voegeli. Entsprechend tief sind die Tierarztkosten. Darüber sind Voegelis im Moment besonders froh – nicht nur wegen ihrer 40 Pferde und Ponys, sondern auch finanziell.

Kutschen stehen

Denn seit Beginn der Coronakrise im März steht im Interlakner Tourismus, der sehr international aufgestellt ist, vieles . Und bei Voegelis stehen all die vielen Victoria-Kutschen und anderen Fuhrwerke, die zum Teil seit Generationen in der Familie weitergegeben worden sind, in der Remise. «Es war schön, diesen Sommer mehr er Gäste auf dem Ballenberg zu sehen», sagt Ernst Voegeli. Aber die Saison war gut zwei Monate kürzer als sonst. Und Hochzeiten oder andere grosse Anlässe, für die sonst Kutschen gebucht werden, sind nicht coronatauglich.

«Reitstunden, insbesondere für Kinder, waren eigentlich eher ein kleiner szweig», sagt Ernst Voegeli. «Doch jetzt sind sie unser stärkstes Bein – dank meiner Frau und ihrem engagierten Reitlehrerinnen-Team.» Doch auch so ist die Hälfte der laufenden Unkosten nicht gedeckt. Denn rentabel war der Reitstall dank Ausritten mit Touristen, die seit März praktisch ausbleiben. Das ist bitter für Erica Voegeli, die Angebote mit spezialisierten Reiseanbietern für kleine Gruppen aus Übersee sowie für die pferdebegeisterten arabischen Gäste aufgebaut hat.

Unersetzlich

«Um uns beide haben wir keine Angst», sagt Ernst Voegeli. «Wir sind im AHV-Alter und suchen schon lange eine Nachfolge.» Aber die Pferde und die guten Mitarbeiter auf seinem – «das verfolgt mich Tag und Nacht». Bisher mussten noch keine Pferde verkauft werden – auch, weil der schon seit langem im Winter etwa die Hälfte seiner Tiere verstellt. «Mit Familien und anderen Privaten haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.»

Auch ihre langjährigen, gut qualifizierten Angestellten wollten Voegelis eigentlich nicht ziehen lassen. Aber da die Reserven schwinden, haben sie nun Kündigungen ausgesprochen. Einzelne Leute können sie noch mit Arbeit auf Abruf halten – etwa im Reitsportzentrum Gstaad, das Ernst Voegeli aufgebaut hat und im Moment noch leitet.

«Dabei haben wir seit März eher mehr Arbeit», sagt Erica Voegeli. Denn gemäss Sicherheitskonzept des erischen Verbandes für Pferdesport muss jeder Zügel und alles, was sfremde Personen berührt haben, sofort wieder desinfiziert werden. Und vor allem braucht jedes Tier täglich genug Bewegung. «Wenn keine Kutschenfahrten oder Ausritte auf dem Programm stehen, müssen wir die Pferde selber bewegen», so Erica Voegeli.

Sorge um Branche

«Weil Kurzarbeit keine Option ist, hat eine Parlamentariergruppe um den Luzerner Ständerat Damian Müller im Frühling Vorstösse für eine ‹Arbeitslosenentschädigung› für die 6000 ‹vollberuflich tätigen› Reitschulpferde und -ponys eingereicht – vergebens», berichtet Ernst Voegeli. Und die Hürden für die Unterstützung des Bundes, die via Swiss Olympic fliessen, sind für alle ausser die allergrössten Reitställe zu hoch, muss ein dafür doch mindestens 20000 Franken Ausfall pro Monat nachweisen.

Nun hofft Ernst Voegeli auf eine Härtefallregelung, obwohl der Kanton Bern noch keine Gesuche bearbeiten kann. «Es geht um die Existenz der e mit ihren 320 Lehrstellen in der ganzen », sagt der begeisterte «Rösseler», der erst kürzlich das Präsidium des Berufsverbandes «Swiss Horse Professionals» abgegeben hat. «Und es geht um Perspektiven für all die guten Berufsleute, die mit Herzblut in Pferdeberufen arbeiten – und die damit zahllosen Menschen eine Freude machen.»

Jeden trifft es anders

Zwei weitere grössere Reitställe in der Region Interlaken sind ebenfalls von der Coronakrise betroffen, obwohl beide nicht auf den Tourismus ausgerichtet sind. Céline de Weck vom Ponyhof «Sturmwind» musste schon vier Tiere verkaufen. Die Nachfrage für Ausritte, Reit- und Therapiestunden mit den verbleibenden 25 Pferden ist gross. «Aber wegen der Covid-Massnahmen muss ich viele Anfragen abweisen», sagt de Weck. So sind zum Beispiel nur kleine Gruppen erlaubt, und fliessende Übergänge gehen nicht, weil die Kinder nur zum Reiten kommen und nicht auf dem Hof verweilen dürfen. Bei der Pferdegestützten Therapie und der Hippotherapie ist der direkte Kontakt zu den Tieren wichtig, da bei der Pflege eine Beziehung zum Pferd aufgebaut werden kann. Der Kontakt ist nun eigeschränkt, da die Klienten Handschuhe tragen. Der läuft aber mit Hygienekonzept weiter.

Hans Peter Schären hat in seiner Pferdesportanlage Wyden mit den Pensionspferden einen stabilen szweig. Die Reitschule richtet sich ausschliesslich an Einheimische, die regelmässig trainieren möchten. Trotzdem stellt Schären einen Rückgang um etwa die Hälfte fest. «Immer wieder sind Leute in Quarantäne. Und andere bleiben weg, weil sie ihre Kontakte minimieren.» In allen en fällt wesentlich mehr Arbeit als sonst an. Denn, so Schären: «Pferden kann man nicht den Stecker ziehen.» shu

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Quelle: erbauer.ch