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Agrarpolitik kann es nicht alleine richten

  • Es soll möglichst gesund und nachhaltig produziert  sein. – Jonas Ingold

Am Agrarpolitik-Forum war man sich einig: Die Agrarpolitik kann nicht alles regeln, es braucht eine umfassendere Ernährungspolitik. Wie das geschehen soll, ist die umstrittene Frage.

Gesundheit und nachhaltige Produktion: Um diese Ziele zu erreichen, benötigt es eine umfassende Ernährungspolitik, in der zahlreiche Akteurinnen und Akteure gefordert sind. Denn alleine auf sebene lassen sich die Herausforderungen nicht angehen.

Die Agrarpolitik sei seit den 1990er-Jahren von Reformschritten geprägt gewesen, sagte Christian Hofer, Direktor des Bundesamtes für (BLW), am Agrarpolitik-Forum an der Hafl in Zollikofen. Man habe dabei viel Gutes erreicht. Aber es seien Herausforderungen geblieben. So sei die Gesamtstützung der in der Schweiz im internationalen Vergleich immer noch hoch.

Die Umweltthemen bleiben

«Und die Themen Pflanzenschutz, Nährstoffbelastung und Treibhausgasemissionen werden uns auch weiter beschäftigen», so Hofer. Da stelle sich die Frage, ob es noch richtig sei, rein auf die Agrarpolitik zu setzen, wenn man in einigen Punkten nicht weiterkomme.

Im Rahmen der Strategie «Nachhaltige Entwicklung 2030» habe man deshalb einen gesamtheitlichen Ansatz gewählt. Künftig müssten Umweltpolitik, Klimapolitik, Agrarpolitik, Handelspolitik und Ernährungspolitik gemeinsam auf die Ziele hinarbeiten.

«Die Agrarpolitik ist Teil des Ernährungssystems, aber es sind verschiedene Bereiche in der Verantwortung», so Christian Hofer. «Wir können die nicht dafür verantwortlich machen, wenn es zu viele Nutztiere hat. Es sind schliesslich die Konsumentinnen und Konsumenten, die dies aufgrund ihres Einkaufsverhaltens wünschen», sagte der BLW-Direktor.

Unterlagen zum Agrarpolitik-Forum sind auf dessen Website abrufbar.

Vom Klimastreik zum Ernährungsparlament

Jelena Filipovic und Isabel Sommer von « mit Zukunft» wollen ein grundlegendes Umdenken in der . «Wir sind zum Schluss gekommen, dass teil der Lösung sein kann und nicht das Problem», sagt Filipovic. « kann nicht getrennt von Gesundheit, Ernährung, Klima, Umwelt und Handel betrachtet werden», meint die Klimaaktivistin. Das aktuelle System bezeichnet sie als träge. Deshalb will « mit Zukunft» ein Ernährungsparlament anstossen, um alle an einen Tisch zu bringen.

Bereits haben sich während sechs Monaten Interessierte in verschiedenen Webinaren ausgetauscht. Das sei erfolgreich verlaufen, sagt Isabel Sommer. Aber: «Es war erst ein kleinerer Testlauf, es nahmen vor allem Leute aus unseren Kreisen teil. Wir wollen weitergehen und einen Bürgerrat für Ernährungspolitik schaffen.» Damit verbunden äussert Sommer die Hoffnung, bei festgefahrenen Themen neue Möglichkeiten zu finden. Alle Interessengruppen sollen im Rat angehört werden, dann die Diskussion folgen. Von Moderator Martin Pidoux nach einem Wunsch an die Anwesenden gefragt, sagt Jelena Filipovic: «Ich wünsche mir Mut, Neues anzugehen. Wir wollen nicht nur den Stadt-Land-, sondern auch den Altersgraben überbrücken.»

«Biodiversitätsschädigende Subventionen»

Für ein nachhaltiges Ernährungssystem sei eine gesunde Umwelt unabdingbar, stellte Katrin Schneeberger, Direktorin des Bundesamtes für Umwelt (BAFU), fest. Die Grundsatzfragen seien einfach gestellt. Was essen wir? Wie produzieren wir? Wo produzieren wir?

«Die Antworten darauf sind deutlich schwieriger», so Schneeberger. So habe die Ernährung 28 Prozent Anteil an der Gesamtumweltbelastung. Und der durchschnittliche Ernährungsstil in der Schweiz weicht doch deutlich von einer ökologisch und gesundheitlich optimalen Ernährung ab. Zudem gebe es verschiedene biodiversitätsschädigende Subventionen, kritisierte Schneeberger.

Standortangepasste ist nötig

Klar ist für sie: «Die kann dazu beitragen die Umweltbelastung zu reduzieren, wenn sie standortangepasst produziert.» Bei der Frage nach dem Wo wies Schneeberger daraufhin, dass drei Viertel der Gesamtumweltbelastung der Schweiz im Ausland entstehe.

«Wichtige Hebel für ein nachhaltiges Ernährungssystem sind das Herstellen der Kostenwahrheit, Anreize für eine ressourceneffiziente Produktion, das Fördern von saisonalen und regionalen Angeboten, das Nutzen von Synergien sowie das Vermeiden von Food Waste», so Schneeberger.

Die Bundesämter seien diesbezüglich stets im Austausch, auch wenn die Meinungen teils auseinandergingen. «Der Teufel liegt oft im Detail. Übergeordnet kann man sich leichter einigen, aber im Detail wird es schwieriger», so die BAFU-Direktorin.

Am Agrarpolitik-Forum in Zollikofen diskutieren heute u.a. die Bundesämter @CHblw @BLV_OSAV_USAV und @bafuCH über die künftige Agrar- und Ernährungspolitik. pic.twitter.com/X592V87bWN

— LID.CH (@LIDnews) August 26, 2021

Enorme Gesundheitskosten wegen falscher Ernährung

Auf die gesundheitlichen Aspekte des Ernährungssystems ging Michael Beer, Vizedirektor des Bundesamts für und Veterinärwesen (BLV), ein. «Wir haben eine schöne Lebensmittelpyramide, die Leute kennen sie auch. Aber die Umsetzung ist dann schwieriger», so Beer. Es gebe immer mehr Übergewichtige, was auch zu entsprechenden Kosten führe. Beer schätzt, dass es derzeit um jährlich etwa 10 Milliarden Franken Kosten im Gesundheitswesen geht.

Das BLV erwartet, dass die Lebensmittelwirtschaft ihre Verantwortung stärker wahrnimmt, etwa bei der Zusammensetzung der Lebensmittel in Bezug auf den Zuckergehalt. «Die Umweltwirkungen der Ernährung könnten um 50% Prozent gesenkt werden. Und diese umweltoptimierte Ernährung entspräche gar in hohem Masse den heutigen Empfehlungen zur gesunden Ernährung», so Beer. Das Problem sei, dass gerade Lebensmittel, die zu viel konsumiert würden, auch am stärksten gefördert würden.  

Über die Marge zu mehr Nachhaltigkeit

An einer Podiumsdiskussion sprachen Parlamentarierinnen und Parlamentarier über Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze eines Ernährungssystems. Diskutiert wurde etwa über die Preise und Margen der Grossverteiler und ob diese gesetzlich festgelegt werden sollten, um die Preisdifferenz zwischen konventioneller und Label-Ware zu verringern.

«Wer einen Laden hat, der will möglichst viel Kaufkraft abschöpfen und das ist auch sein Recht», sagt -Ständerat Ruedi Noser, der sich klar gegen entsprechende Eingriffe stellte. Er wies zudem daraufhin, dass die Konsumentinnen und Konsumenten bei zu hohen Schweizer Preisen einfach ins Ausland abwanderten. «Wir müssen nicht über Margen diskutieren, sondern darüber, ob die Stimmbürger etwas anderes bestellen als die Konsumenten», so Noser.

Ein grosses Problem stellt die Marge hingegen für SP-Nationalrätin Martina Munz dar. «Bio stagniert genau deswegen und die Bauern kriegen nicht mal das Geld, dass sie für die höheren Investitionen aufwenden müssen.» Wenn man Marge oder Preise nicht festlegen wolle, dann müsse man halt die Kosten internalisieren. «Wenn wird diese Kosten bei den konventionellen Lebensmitteln aufschlagen würden, hätten wir eine viel geringere Preisdifferenz zur Bio-Ware», so Munz. «Es ist zudem beschämend, wie die Preisbereitschaft für Leute mit ökologischem Gewissen schamlos ausgenutzt wird».

Die Grüne Ständerätin Adèle Thorens wies daraufhin, dass es politisch schwer sei, Kosten zu internalisieren. Nicht nur im Parlament, sondern auch vor dem Volk. Denn dabei ginge es nicht nur um ein paar Rappen. Man müsse versuchen, falsche Konsum-Anreize zu stoppen. «Wenn die Konsumentinnen und Konsumenten weniger Fleisch oder weniger stark verarbeitete Lebensmittel kaufen würden, könnten sie ökologischere Produkte kaufen, ohne insgesamt mehr zu bezahlen», so Thorens.

Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes und Mitte-Nationalrat, zeigte sich überzeugt, dass die Grossverteiler die Kaufbereitschaft sehr genau kennen und präzise abschöpfen. «Sie haben einfach dort Hemmung, wo die Konkurrenz tiefere Preise hat oder der Einkaufstourismus droht», so Ritter. Die Verteilung der Marge sei eine Frage der Marktmacht und der Durchsetzung der Interessen. Da sei die nicht so stark, die Situation habe sich aber etwas verbessert. «Man muss Druck machen, in Politik und Markt gibt es keine Geschenke», so Ritter. Und man dürfe nie zufrieden sein, sonst kriege man weniger.

Für SVP-Nationalrat Marcel Dettling ist klar, dass ein Schrauben an den Preisen den Einkaufstourismus fördert. «Und die Produkte müssen auch für Arbeiterfamilien erschwinglich bleiben», so Dettling. Deshalb gehe es nicht, einfach bei konventionellen Produkten die Preise zu erhöhen.

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Quelle: schweizerbauer.ch